{"id":82,"date":"2017-01-11T15:39:17","date_gmt":"2017-01-11T14:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/wpckh\/?p=82"},"modified":"2018-03-28T22:33:09","modified_gmt":"2018-03-28T20:33:09","slug":"historischer-hintergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/2017\/01\/11\/historischer-hintergrund\/","title":{"rendered":"Historischer Hintergrund"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h4><span style=\"color: #800000;\">Das Lager f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter in Engerau<\/span><\/h4>\n<p>Ende November \/ Anfang Dezember 1944 kamen ca. 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Bu\u00addapest am Bahnhof von Engerau (Petr\u017ealka, Bratislava) an. Sie wurden in alten Baracken, Bau\u00adern\u00adh\u00f6\u00adfen, Scheunen, St\u00e4llen und Kellern der Ortsbev\u00f6lkerung einquartiert und mussten Skla\u00adven\u00adar\u00adbeit im Rah\u00admen des so genannten S\u00fcdostwallbaues leisten \u2013 eine milit\u00e4risch sinnlose und viele Opfer for\u00addern\u00adde Ma\u00dfnahme, um die vorr\u00fcckende Rote Armee in ihrem Vormarsch Rich\u00adtung Westen aufzuhalten.<br \/>\nDas Lager Engerau bestand aus mehreren Teillagern, die von gro\u00dfteils aus Wien stammenden SA-M\u00e4n\u00adnern sowie von \u201ePolitischen Leitern\u201c bewacht wurden. Die Lebensumst\u00e4nde im Lager Engerau wa\u00adren katastrophal. T\u00e4glich starben H\u00e4ftlinge an den menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen, an Hunger, K\u00e4l\u00adte und Entkr\u00e4ftung. Andere wurden von Angeh\u00f6rigen der Wachmannschaft \u201eauf der Flucht erschossen\u201c, er\u00adschlagen, oder waren zur \u201eLiquidation\u201c freigegeben worden, wof\u00fcr einige SA-M\u00e4nner \u201ezur besonderen Ver\u00adwendung\u201c abgestellt waren. Eine von der slowakischen Regierung im April 1945 zusammengestellte Kom\u00admission exhumierte mehr als 500 Leichen, die auf dem Friedhof von Petr\u017ealka bestattet sind und er\u00adrichtete mehrere Gedenksteine, die auch heute noch existieren.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>Die Evakuierung des Lagers am 29. M\u00e4rz 1945<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Am 29. M\u00e4rz 1945 wurde das Lager Engerau evakuiert. Der Marsch der Gefangenen f\u00fchrte \u00fcber Wolfs\u00adthal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg. Dabei erschossen SA-M\u00e4nner und \u201ePolitische Leiter\u201c mehr als hundert Personen. Auf dem Gel\u00e4nde des heutigen Kurparks an der Donau in Bad Deutsch-Al\u00adten\u00adburg mussten die ungarischen Juden auf ihren Weitertransport war- ten. W\u00e4hrend des Transportes auf Schleppk\u00e4hne nach Mauthausen kamen zahlreiche Gefangene durch Erschie\u00dfen oder Verhungern um. Nach einer siebent\u00e4gigen Fahrt wurden sie in das Konzentrationslager eingewiesen. Aufgrund der dort vorherrschen- den \u00dcberbelegung wurden sie auf einen weiteren Marsch von Mauthausen in das Wald\u00adlager Gunskirchen bei Wels getrieben, wo ebenfalls unz\u00e4hlige Menschen starben. Anfang Mai 1945 befreiten US-Truppen die wenigen \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>Die Engerau-Prozesse<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Bereits am 15. Mai 1945 erstattete einer der an den Verbrechen in Engerau beteiligten SA-M\u00e4nner in Wien Anzeige. Diese zog die umfangreichsten und am l\u00e4ngsten andauernden gerichtlichen Ermittlungen we\u00adgen NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte \u00d6sterreichs nach sich. Zwischen 1945 und 1954 fanden in Wien \u2013 vor von der \u00f6sterreichischen Regierung eigens zum Zwecke der Ahn\u00addung von NS-Verbrechen installierten Gerichten \u2013 zahlreiche Prozesse statt, sechs davon erhielten die Be\u00adzeichnung \u201eEngerau-Prozesse\u201c. Der 1. Engerau-Prozess im August 1945 war gleichzeitig der erste Pro\u00adzess wegen NS- Gewaltverbrechen in \u00d6sterreich. In den insgesamt sechs Engerau-Prozessen wa\u00adren 21 ehemalige SA-M\u00e4nner und \u201ePolitische Leiter\u201c angeklagt. Neun von ihnen wurden zum Tode ver\u00adur\u00adteilt und hingerichtet, einer erhielt eine lebenslange Haftstrafe, einer 20 Jahre, einer 19 Jahre. Ein An\u00adge\u00adklagter wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelte in der Strafsache Engerau ge\u00adgen 72 Personen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>Der Ged\u00e4chtnisraum Engerau \u2013 ein Ort transnationaler Gedenkkultur<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Seit dem Jahr 2000 f\u00fchrt die Zentrale \u00f6sterreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (Organisation: Dr.<sup>in<\/sup> Claudia Kuretsidis-Haider) allj\u00e4hrlich Ende M\u00e4rz rund um den Jahrestag der R\u00e4umung des Lagers En\u00adgerau und der darauffolgenden Massaker eine \u201eGedenkfahrt\u201c durch. Am Beginn der Gedenkfahrt fin\u00addet jedes Jahr beim in den 1950er Jahren errichteten Mahnmal an die Opfer des Lagers Engerau auf dem Friedhof von Petr\u017ealka eine Kundgebung statt, an der neben den TeilnehmerInnen der Bus\u00adex\u00adkur\u00adsi\u00adon zahlreiche Menschen aus Bratislava sowie VertreterInnen der \u00f6sterreichischen und israelischen Bot\u00adschaft, der j\u00fcdischen Gemeinde sowie der Stadt Bratislava anwesend sind.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf slowakischer Seite mit einem Mahnmal und Grabsteinen auf dem Friedhof in Petr\u017ealka bereits in den ersten Nachkriegsjahren ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an die ungarischen Juden des Lagers Engerau gesetzt wurde, fehlte auf nieder\u00f6sterreichischer Seite mehr als 60 Jahre lang eine \u00e4hnliche Initiative. Hier existierte au\u00dfer einem \u201eKriegsgrab\u201c auf dem Friedhof in Bad Deutsch-Altenburg, wo die Herkunft der Bestatteten nicht kontextualisiert war, bis M\u00e4rz 2011 im \u00f6ffentlichen Raum kein sichtbares Gedenken f\u00fcr die Toten von Engerau. Auf Initiative des B\u00fcrgermeisters von Wolfsthal Gerhard Sch\u00f6dinger und des Ortspfarrers Pater Ernst Walecka wurde am 27. M\u00e4rz 2011 in der Ortsmitte vor\u00a0der Kirche ein Gedenkstein enth\u00fcllt und damit ein erstes Zeichen des Gedenkens in \u00d6sterreich gesetzt. 2015 wurde an die Stelle des \u201eKriegsgrabes\u201c in Bad Deutsch-Altenburg eine Grabplatte mit neuer Textierung angebracht und der Grabstein erneuert. Am 29. M\u00e4rz 2017 wurde auf Initiative der Zentralen \u00f6sterreichischen Forschungsstelle von den Justizministern aus der Slowakei, Ungarn und \u00d6sterreich\u00a0eine Gedenktafel f\u00fcr die Opfer des Lagers Engerau im Eingangsbereich des Restaurants Leberfinger, wo sich eines der Teillager von Engerau befand, enth\u00fcllt.<br \/>\nAm 29. M\u00e4rz 2018 erfolgte in Hainburg die Einweihung eines\u00a0Erinnerungszeichen im Gedenken an die Opfer des &#8222;Todesmarsches&#8220;.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Lager f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter in Engerau Ende November \/ Anfang Dezember 1944 kamen ca. 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Bu\u00addapest am Bahnhof von Engerau (Petr\u017ealka, Bratislava) an. 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