{"id":271,"date":"2017-04-13T11:54:22","date_gmt":"2017-04-13T09:54:22","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/wpckh\/?p=271"},"modified":"2017-05-28T12:58:25","modified_gmt":"2017-05-28T10:58:25","slug":"gedenktafel-am-restaurant-leberfinger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/2017\/04\/13\/gedenktafel-am-restaurant-leberfinger\/","title":{"rendered":"Gedenktafel am Restaurant Leberfinger"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"entry-title\">Gedenktafel am Restaurant Leberfinger<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-83 aligncenter\" src=\"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/wpckh\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/IMG_02531-e1484145505520.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"272\" \/><\/h6>\n<p>Am 29. M\u00e4rz 2017 haben die Justizministerin und die Justizminister der Slowakei, \u00d6sterreichs und Ungarns Lucia \u017dit\u0148ansk\u00e1, Wolfgang Brandstetter und <span class=\"st\">L\u00e1szl\u00f3 Tr\u00f3cs\u00e1nyi <\/span>eine Gedenktafel f\u00fcr die Opfer des Lagers Engerau enth\u00fcllt.<\/p>\n<p>K\u00fcnstler: Vladim\u00edr Chovan (Atelier 007, De\u00adle\u00adn\u00e1 7, Bratislava 841 07)<\/p>\n<p>Finanzierung:<br \/>\nNationalfonds der Republik \u00d6sterreich<br \/>\nZukunftsfonds der Republik \u00d6sterreich<br \/>\n\u00d6sterreichisches Bundesministerium f\u00fcr Justiz<br \/>\n<a href=\"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/wpckh\/2017\/02\/27\/danksagung-2\/\">Privatpersonen<\/a><\/p>\n<p>Das heutige Restaurant Leberfinger, Viedensk\u00e1 cesta, 851 01 Bratislava-Petr\u017ealka, war von De\u00ad\u00adzember 1944 bis Ende M\u00e4rz 1945 Teil des Lagers Engerau.<br \/>\nAnfang Dezember kamen ca. 2.000 ungarische Juden in geschlossenen Waggons auf dem Bahnhof in Engerau an. Die deut\u00ad\u00adsche Bauleitung \u201eUnterabschnitt Engerau\u201d lie\u00df Gruppen zu je 120-150 Mann zu\u00adsam\u00admen\u00ad\u00adstellen. Die Juden wurden in alten Baracken untergebracht, aber auch in Bauernh\u00f6fen, Scheu\u00ad\u00adnen, St\u00e4llen und Kellern, also direkt bei der Ortsbev\u00f6lkerung.<br \/>\nWie in den anderen Lagern entlang des \u201eS\u00fcdostwalls\u201d wurden die Juden von der SA sowie von \u201ePolitischen Leitern\u201d bewacht. Die SA-Wache unterstand Scharf\u00fchrer Edmund Kratky, der sp\u00e4ter von Scharf\u00fchrer Erwin Falkner abgel\u00f6st wurde. Das Hauptquartier der SA, die von SA-Un\u00adterabschnittleiter Gustav Terzer befehligt wurde, befand sich in Kittsee. F\u00fcr die \u201ePo\u00adli\u00adti\u00adschen Leiter\u201d zust\u00e4ndig war NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Staroszinsky.<br \/>\nDie Arbeitseinsatzorte befanden sich zwischen der damaligen deutsch-ungarisch-slo\u00adwa\u00adki\u00adschen Grenze und Berg-Hainburg-Kittsee. Die sanit\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse waren unvorstellbar, die Leute mussten hier unter furchtbaren hygienischen Bedingungen hausen. Von Dezember bis Februar gab es kein Wasser, weil die Brunnen eingefroren waren, die Menschen starben zu\u00ad\u00adhauf sowohl an den Verh\u00e4ltnissen im Lager als auch aufgrund von Ersch\u00f6pfung bei der an\u00adstren\u00ad\u00adgenden Arbeit des Schanzens sowie weil sie von der zum Gro\u00dfteil aus Wien stam\u00admen\u00adden SA-Wachmannschaft bzw. von den sie beaufsichtigenden Politischen Leitern miss\u00adhan\u00addelt und get\u00f6tet wurden. Eine slowakische Untersuchungskommission exhumierte im April 1945 460 Tote.<br \/>\nDas 300 Jahre alte Gasthaus Leberfinger an der Donau war eine Einkehrst\u00e4tte, unter an\u00adde\u00adrem f\u00fcr G\u00e4ste aus Wien, und hatte aus der Zeit des Verkehrs mit Pferdefuhrwerken ein Stall\u00adge\u00ad\u00adb\u00e4ude mit einem Dachboden, um f\u00fcr die Pferde der Reisenden Unterkunft zu ge\u00adw\u00e4hr\u00adleis\u00adten.<br \/>\nAngeh\u00f6rige der SA-Wachmannschaft bezeichneten den Dienst im Lager Leberfinger als \u201eam sch\u00f6ns\u00ad\u00adten und leichtesten\u201d. Generell kamen die SA-M\u00e4nner gerne hierher, um Wein zu trin\u00adken. Die Juden waren in einem gro\u00dfen, lan\u00adgen Schuppen \u2013 ein ehemaliger Pferdestall \u2013 mit zwei Eing\u00e4ngen \u201euntergebracht\u201d. Dieser stand parallel zum Privatgeb\u00e4ude, aus dessen K\u00fc\u00adche man auf die Eing\u00e4nge des Schuppens se\u00adhen konnte. Im oberen Teil des Schuppens war ein Raum, der wahrscheinlich zur Auf\u00adbe\u00adwah\u00adrung von Heu und Stroh gedient hatte. Die Ju\u00adden mussten \u00fcber eine Leiter he\u00adrun\u00adter\u00adstei\u00adgen. Der ehemalige H\u00e4ftling Ern\u00f6 Honig beschrieb die Unterkunft folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>\u201eWir schliefen dort [&#8230;] in einem Stall mit betoniertem Boden ohne jede Unterlage und ohne Hei\u00ad\u00adzung, sodass von uns, als wir Engerau verlie\u00dfen, nur mehr wenige am Leben waren. Die \u00fcb\u00adri\u00adgen wurden teils bei der Arbeit erschlagen, teils starben sie an Ersch\u00f6pfung oder den Fol\u00adgen von schweren Erfrierungen. Es war uns verboten, uns zu waschen und wir waren des\u00adhalb vo\u00adller L\u00e4use und voll von Furunkeln und anderen eiternden Wunden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nachdem von der zust\u00e4ndigen Kreisleitung der Befehl zur Evakuierung des Lagers er\u00adgan\u00adgen war \u2013 die Gefangenen sollten zu Fu\u00df nach Bad Deutsch-Altenburg marschieren, um von dort per Schiff nach Mauthausen transportiert zu werden &#8211; traf der Lagerkommandant Erwin Falk\u00ad\u00adner die Entscheidung, die \u201enicht-marschf\u00e4higen\u201d H\u00e4ftlinge liquidieren zu lassen und stell\u00ad\u00adte ein Sonderkommando zusammen. Zwischen 17 und 18 Uhr des 29. M\u00e4rz 1945 mar\u00adschier\u00ad\u00adten mehrere Angeh\u00f6rige des Sonderkommandos zun\u00e4chst in das Lager Wiesengasse und er\u00adschos\u00adsen dort ca. 60 \u201emarschunf\u00e4hige\u201d Lagerinsassen. Eine andere Gruppe des Son\u00adder\u00ad\u00adkom\u00admandos begab sich zum Gasthaus Leberfinger und liquidierte im Stall zumindest 13 H\u00e4ft\u00ad\u00adlinge, die sich auf die Frage, wer nicht mitkommen k\u00f6nnte, gemeldet hatten. Die dra\u00adma\u00adti\u00ad\u00adschen Ereignisse im Hof des Gasthauses schilderte die Wirtin Leberfinger am Tag darauf dem Gen\u00addar\u00admen des Gendarmeriepostens Hainburg Karl Brandstetter und dem Po\u00adli\u00adzei\u00adre\u00adser\u00advis\u00ad\u00adten Jo\u00adhann Hartl, die die ersten Ermittlungen zur Aufkl\u00e4rung des Verbrechens f\u00fchrten. Im Zu\u00ad\u00adge der volksgerichtlichen Untersuchungen im Sommer 1945 gab Brandstetter dies\u00adb\u00ade\u00adz\u00fcg\u00adlich zu Pro\u00adtokoll:<\/p>\n<p><em>\u201eWir gingen in das Gasthaus Leberfinger in Engerau, um dort einen warmen Kaffee zu trin\u00adken. Die Wirtin, Frau Leberfinger, sagte zu uns: \u201aHeute bekommt ihr noch etwas, aber mo\u00adr\u00adgen nicht mehr. Denn erstens sind die meisten Angestellten evakuiert worden und zweitens blei\u00ad\u00adbe ich nicht l\u00e4nger in dieser Leichenkammer.\u2019 Frau Leberfinger sagte uns, dass in ihrem Haus dreizehn erschossene Juden liegen. Wir ersuchten sie, uns die Leichen zu zeigen, was Frau Leberfinger mit der Bemerkung ablehnte, sie k\u00f6nne so etwas Grauenvolles kein zweites Mal ansehen. Sie sagte uns, wir sollten uns die Leichen alleine besichtigen. Wir gingen nun in das ehemalige Stallgeb\u00e4ude, wo sich das Lager f\u00fcr die Juden befand. Dort lagen Hab\u00adse\u00adlig\u00adkei\u00adten der Juden verstreut umher. Im Hintergrund sahen wir schon einige Leichen liegen. Die Lei\u00ad\u00adchen hatten Kopfsch\u00fcsse und lagen in einer Blutlache. S\u00e4mtliche Leichen trugen den Ju\u00adden\u00ad\u00adstern. Im Hofraum lag auf einer Pritsche eine Leiche, die mehrere Sch\u00fcsse, teils im Kopf, teils in der Brust aufwies. Diese Leiche war nur mit einem Hemd und einer langen Stoffhose be\u00ad\u00adkleidet. Auch in der N\u00e4he der Latrine, die im Hofe war und eigens f\u00fcr die Juden bestimmt war, lagen zwei der drei Leichen, ebenfalls durch Kopfsch\u00fcsse get\u00f6tet. Der Anblick der Le\u00adi\u00adchen war grauenhaft. Wir gingen noch im Hof umher und sprachen dann mit der Gastwirtin, wie sich die Ermordung zugetragen hat. Frau Leberfinger erz\u00e4hlte uns nun, dass die po\u00adli\u00adti\u00adschen Leiter am 29. M\u00e4rz 1945 (Gr\u00fcndonnerstag) um ca. 22 Uhr die Juden zum Abmarsch an\u00adtre\u00ad\u00adten lie\u00dfen. Es meldeten sich eben diese 13 Juden, dass sie krank seien und nicht mar\u00adschie\u00adren k\u00f6nnen. Darauf sagten die politischen Leiter, diese 13 Juden w\u00fcrden sp\u00e4ter abgeholt wer\u00ad\u00adden. Als nun die marschf\u00e4higen Juden aus dem Hause marschierten, kamen schon einige po\u00ad\u00adlitische Leiter oder SA-M\u00e4nner, die Uniformen kenne sie nicht so genau, zum Tor herein, gin\u00ad\u00adgen in das Stallgeb\u00e4ude wo sich die nicht marschf\u00e4higen Juden befanden und in wenigen Mi\u00ad\u00adnuten h\u00f6rten wir schon eine wilde Schie\u00dferei sowie verzweifelte Hilferufe. Sie konnte dies nicht weiter anh\u00f6ren und lief in das Haus zur\u00fcck. Weitere Angaben konnte Frau Leberfinger nicht machen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Text der Gedenktafel ist in slowakischer, ungarischer, deutscher und hebr\u00e4ischer Sprache zu lesen:<\/p>\n<p>Deutsche Version:<\/p>\n<p><em>\u201eW\u00e4hrend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befand sich von November 1944 bis M\u00e4rz 1945 in Petr\u017ealka (Engerau, Pozsonyligetfalu) ein Lager f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangs\u00adar\u00ad\u00adbeiter, die am \u201eS\u00fcdostwall\u201c Schanzarbeit leisten mussten. Die ca. 2.000 ungarischen Juden wa\u00ad\u00adren zwangsweise unter unmenschlichen Bedingungen in mehreren Teillagern einquartiert. Ei\u00adnes der Teillager befand sich im Nebengeb\u00e4ude des damaligen Gasthauses Leberfinger. Im Zu\u00ad\u00adge der Evakuierung der Gefangenen in das KZ Mauthausen wurden hier am 29. M\u00e4rz 1945 min\u00ad\u00addestens 13 H\u00e4ftlinge von Wiener SA-M\u00e4nnern grausam ermordet. <\/em><\/p>\n<p><em>Ehre Ihrem Andenken!<\/em><\/p>\n<p><em>An die 1945 von einer slowakischen Untersuchungskommission exhumierten 460 Toten des La\u00ad\u00adgers Engerau, darunter die mehr als 100 Opfer des Evakuierungsmarsches, erinnern ein Mahn\u00ad\u00admal auf dem Friedhof von Petr\u017ealka sowie Gedenksteine in Wolfsthal und Bad Deutsch-Al\u00adten\u00adburg.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir vergessen weder die Leiden der Opfer noch die Verbrechen der T\u00e4ter.<\/em><\/p>\n<p><em>Niemals wieder!\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedenktafel am Restaurant Leberfinger &nbsp; Am 29. M\u00e4rz 2017 haben die Justizministerin und die Justizminister der Slowakei, \u00d6sterreichs und Ungarns Lucia \u017dit\u0148ansk\u00e1, Wolfgang Brandstetter und L\u00e1szl\u00f3 Tr\u00f3cs\u00e1nyi eine Gedenktafel f\u00fcr die Opfer des Lagers Engerau enth\u00fcllt. K\u00fcnstler: Vladim\u00edr Chovan (Atelier 007, De\u00adle\u00adn\u00e1 7, Bratislava 841 07) Finanzierung: Nationalfonds der Republik \u00d6sterreich Zukunftsfonds der Republik \u00d6sterreich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-271","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenktafel-am-restaurant-leberfinger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=271"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":453,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions\/453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/wpckh\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}