{"id":463,"date":"2019-04-09T19:18:06","date_gmt":"2019-04-09T17:18:06","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/?p=463"},"modified":"2025-02-28T16:58:02","modified_gmt":"2025-02-28T15:58:02","slug":"dachaureif","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2019\/04\/09\/dachaureif\/","title":{"rendered":"&#8222;dachaureif&#8220;"},"content":{"rendered":"\r\n<p><strong><em>Claudia Kuretsidis-Haider\/Rudolf Leo: \u201edachaureif\u201c &#8211; Der \u00d6sterreichertransport aus Wien in das KZ Dachau <\/em><\/strong><br><strong><em>am 1. April 1938 \u2013 Biografische Skizzen. Den Betroffenen ein \u201eGesicht\u201c geben.<\/em><\/strong><\/p>\r\n<p>Claudia Kuretsidis-Haider\/Rudolf Leo: \u201edachaureif \u201c. Der \u00d6sterreichertransport aus Wien in das Konzentrationslager Dachau am 1. April 1938. Biografische Skizzen der Opfer, Wien 2019, ISBN: 978-3-901142-75-8, 344 S., mit zahlr. Abb., \u20ac 25.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>Herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes und von der Zentralen \u00f6sterreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Rudolf Leo &#8211; <\/strong><strong>Dachau das \u201eerste staatliche Konzentrationslager\u201c<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am 22. M\u00e4rz 1933 wurde das Konzentrationslager Dachau in den Geb\u00e4uden einer stillgelegten ehemaligen K\u00f6niglichen Pulver- und Munitionsfabrik er\u00f6ffnet. Laut der Presseerkl\u00e4rung des damals neu ernannten M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sidenten Heinrich Himmler verf\u00fcgte dieses \u201eerste staatliche Konzentrationslager\u201c \u00fcber ein \u201eFassungsverm\u00f6gen von ca. 5.000 H\u00e4ftlingen\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dachau wurde zum Prototyp des nationalsozialistischen Repressionsapparates. Dessen KZ-System erm\u00f6glichte einen von der Justiz unabh\u00e4ngigen Zugriff auf die pers\u00f6nlichen Freiheiten, die physische Liquidierung praktisch jeder beliebigen Person bei permanenter Suspendierung der b\u00fcrgerlichen Freiheiten. \u201eOhne die Konzentrationslager h\u00e4tte sich die Gestapo niemals zu der m\u00e4chtigsten Terrororganisation entwickeln k\u00f6nnen, deren blo\u00dfe Erw\u00e4hnung schon Entsetzen hervorrief\u201c, so der tschechische Historiker und Zeitzeuge Stanislav Z\u00e1me\u010dn\u00edk, von 1941 bis 1945 H\u00e4ftling im KZ Dachau, im 2005 erschienenen Katalog zur Ausstellung \u201eKonzentrationslager Dachau 1933 bis 1945\u201c. Dachau war das einzige Konzentrationslager, das w\u00e4hrend der gesamten 12 Jahre der NS-Herrschaft bestand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die ersten H\u00e4ftlinge im KZ Dachau waren deutsche Kommunisten und Sozialdemokraten, sp\u00e4ter wurden auch Funktion\u00e4re der b\u00fcrgerlichen Parteien interniert. Ab 1936 nahm der Anteil der j\u00fcdischen sowie der nicht-politischen H\u00e4ftlinge betr\u00e4chtlich zu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Heinrich Himmler sah in den Konzentrationslagern nicht nur einen Ort zur Inhaftierung von Gefangenen, sondern eine Machtbasis und wirtschaftliche Grundlage der SS sowie als \u2013 auf der Grundlage der Sklavenarbeit der H\u00e4ftlinge aufgebauten \u2013 Produktionsst\u00e4tten f\u00fcr die gigantomanischen Projekte der Nationalsozialisten und sp\u00e4ter f\u00fcr die Kriegsindustrie. Die Schutzhaft wurde daher sukzessive auf unpolitische Pseudodelikte ausgeweitet, die durch Brandmarkung der \u201eT\u00e4ter\u201c u.a. als \u201eVolkssch\u00e4dlinge\u201c, Bettler, \u201eZigeuner\u201c, \u201eArbeitsscheue\u201c, Landstreicher und mit Phrasen \u00fcber die \u201eNotwendigkeit der Rassenhygiene\u201c nachtr\u00e4glich politisiert wurden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Der \u00d6sterreichertransport aus Wien im April 1938<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Noch bevor die ersten Wehrmachtsverb\u00e4nde die \u00f6sterreichische Grenze \u00fcberschritten, waren schon in den fr\u00fchen Morgenstunden des 12. M\u00e4rz 1938 deutsche Polizeikr\u00e4fte unter der F\u00fchrung von Reichsf\u00fchrer SS Heinrich Himmler mit dem Flugzeug in Wien gelandet. Zu den ersten Aufgaben dieser Polizeieinheit geh\u00f6rte die Verhaftung von prominenten NS-Gegnern, Mitgliedern und hohen Beamten der Regierung Schuschnigg und Angeh\u00f6rigen der illegalen Arbeiterbewegung. Zur Koordinierung der Verhaftungen begann Himmlers Stab ab dem 18. M\u00e4rz mit dem Aufbau einer gro\u00dfen Gestapoleitstelle in Wien, die ihren Sitz im Hotel Metropole am Morzinplatz bezog. Bis Monatsende wurde aus den bis dahin Verhafteten eine Liste von 150 Personen zusammengestellt, die im Polizeigefangenhaus Rossauerl\u00e4nde an der Elisabethpromenade im 9. Bezirk (im Volksmund \u201eLiesl\u201c genannt) konzentriert und am Abend des 1. April zum Westbahnhof gebracht wurden, von wo der Zug nach Dachau abfuhr. Unter den in das dortige Konzentrationslager verschickten M\u00e4nnern befanden sich unter anderem hochrangige Funktion\u00e4re der \u00f6sterreichischen Regierungspartei Vaterl\u00e4ndische Front, aber auch deren politische Gegner: Sozialdemokraten und Kommunisten, sowie eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe bekannter j\u00fcdischer Wirtschaftstreibender und K\u00fcnstler. Diese Zusammensetzung des Transports war der Grund f\u00fcr die in weiterer Folge eingeb\u00fcrgerte Bezeichnung \u201eProminententransport\u201c. Es war darin aber nicht nur das gesamte politische Spektrum des damaligen \u00d6sterreich vertreten, sondern auch Menschen, deren \u201eVerbrechen\u201c darin bestand, Juden zu sein. Stellvertretend f\u00fcr die insgesamt 63 Juden im Transport sind hier nur einige Namen angef\u00fchrt: Gebr\u00fcder Burstyn, Schriftsteller Fritz L\u00f6hner-Beda, Kunsth\u00e4ndler Wilhelm Kurtz, Gew\u00fcrzefabrikant Johann Kotanyi, Verleger und Zeitungsherausgeber Paul Kolisch, Sportjournalist Maximilian Reich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Insgesamt wurden im Jahr 1938 an die 8.000 ausschlie\u00dflich m\u00e4nnliche \u00d6sterreicher in das KZ Dachau eingewiesen. Unter jenen, die den KZ-Terror \u00fcberlebten, haben viele die Zweite Republik mit aufgebaut. Der nach 1945 oft beschworene \u201eGeist der Lagerstra\u00dfe\u201c \u2013 das, bei allen politischen Gegens\u00e4tzen, gemeinsame Bekenntnis zur demokratischen Republik \u00d6sterreich \u2013 bezog sich auf die gemeinsame Haft-Erfahrung der einstigen weltanschaulichen Gegner, die als politische H\u00e4ftlinge im KZ Dachau einsa\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>\u201edachaureif\u201c<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201edachaureif\u201c lautete nach dem \u201eAnschluss\u201c eine Kategorie im Bewertungsbogen der Gestapo zur Beurteilung von 444 Gendarmen des Landes Salzburg \u201ew\u00e4hrend der Kampfzeit der NSDAP\u201c. Diese Bewertung erfolgte in Form einer namentlichen Auflistung der Gendarmen mit personenbezogenen Daten sowie Informationen zu deren Dienststelle und Dienstgrad wie zu deren politischer und pers\u00f6nlicher Einstellung. Als positive Attribute wurden u. a. angef\u00fchrt: korrekt \u2013 nicht geh\u00e4ssig \u2013 keine \u00dcbergriffe (auf illegale Nationalsozialisten vor dem \u201eAnschluss\u201c) \u2013 anst\u00e4ndig und charaktervoll \u2013 gewissenhaft. Negative Attribute waren u. a.: dienstlich schwach \u2013 unf\u00e4hig \u2013 in nationalen Kreisen nicht geachtet \u2013 Dr\u00fcckeberger \u2013 Deutschenhasser \u2013 Gesinnungsschwein \u2013 pensionsreif \u2013 unkameradschaftlich \u2013 moralisch und geistig minderwertig \u2013 Jesuit \u2013 wird von Gestapo bereits behandelt \u2013 und: dachaureif. Die im Bewertungsbogen so apostrophierten Gendarmen mussten damit rechnen, in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert zu werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Stellvertretend zwei Fallbeispiele der biografischen Skizzen von den insgesamt 150 \u00d6sterreichern, die am 1. April 1938 vom Wiener Westbahnhof nach Dachau transportiert wurden. Die Beispiele wurden ausgew\u00e4hlt um zu dokumentieren, wie dramatisch die Lebenswege der Opfer nach der Entlassung \u2013 sofern sie \u00fcberlebt haben \u2013 aus dem Konzentrationslager verliefen.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>BURSTYN<\/strong> Nathan<strong> (Naftali)<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Geboren am 18.04.1904 in Nadw\u00f3rna\/Nadwirna<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Letzte Wohnadresse im M\u00e4rz 1938: Wien 3., Beatrixgasse 14a<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vertreter<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nummer auf der Gestapo-Liste: 12<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Festnahme am 14. M\u00e4rz 1938<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>02.04.1938: Einweisung in das KZ Dachau \u2013 Gefangenennummer: 13.918<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>H\u00e4ftlingskategorie: \u201eSchutzhaft \u2013 Jude\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>31.08.1938: \u00dcberstellung in das Wiener Polizeigefangenenhaus, wo er bis 15.03.1939 inhaftiert blieb. Die Gestapo \u00fcberstellte ihn an die polnische Grenze zur Abschiebung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>21.06.1940: Verhaftung durch die sowjetische Armee<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>23.07.1940: \u00dcberstellung in das Lager Karelka Pinska<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>25.07.1942: \u00dcberstellung in das Lager Archangelsk<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1946: \u00dcberstellung nach Schlesien \u2013 offensichtlich als einer von vielen polnischen Staatsb\u00fcrgerInnen, die in dieser Zeit aus der Sowjetunion in die ehemaligen deutschen Gebiete der wiedererstandenen Republik Polen umgesiedelt wurden. Von dort gelangte er auf unbekanntem Wege nach Haifa, wo er im September 1948 ankam.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>GER\u00d6 Josef Dr.<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Geboren am 23.09.1896 in Maria Theresiopel\/Subotica<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Letzte Wohnadresse im M\u00e4rz 1938: Wien 7., Lerchenfelderstra\u00dfe 13<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jurist<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1926 \u2013 1929: Staatsanwalt in Wiener Neustadt, anschlie\u00dfend in der <a href=\"https:\/\/www.wien.gv.at\/wiki\/index.php?title=Leopoldstadt\">Leopoldstadt<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1927 \u2013 1938: Pr\u00e4sident des Wiener Fu\u00dfballbundes<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bis 1930: Referent f\u00fcr allgemeine Strafsachen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1931 \u2013 1934: Referent f\u00fcr politische Strafsachen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1934: Personalreferent im Justizministerium, sp\u00e4ter Leitung der Abteilung f\u00fcr politische Strafsachen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1934 \u2013 1938: als Staatsanwalt Mitwirkung an der Verfolgung von revolution\u00e4ren SozialistInnen und Februark\u00e4mpfern<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ab 1936: T\u00e4tigkeit als Erster Staatsanwalt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nummer auf der Gestapo-Liste: 103<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Festnahme am 20. M\u00e4rz 1938<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>02.04.1938: Einweisung in das KZ Dachau &#8211; Gefangenennummer: 13.873<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>H\u00e4ftlingskategorie: \u201eSchutzhaft \u2013 Jude\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>22.09.1938: \u00dcberstellung in das KZ Buchenwald; nach insgesamt 16 Monaten Haft aufgrund einer Intervention des Wiener Fu\u00dfballbundes freigelassen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>August 1939: Flucht nach Jugoslawien, wo er in Zagreb als Prokurist in der Textilfirma seines Bruders arbeitete<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nach dem \u00dcberfall der Nationalsozialisten in Jugoslawien Gestapohaft im April 1941 sowie neuerlich ab 23.06.1944; Verpflichtung zur Zwangsarbeit in der R\u00fcstungsindustrie<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ab 27.04.1945: Parteiloser \u2013 von der SP\u00d6 nominierter \u2013 Staatssekret\u00e4r (und anschlie\u00dfend Bundesminister) f\u00fcr Justiz bis 1949, bzw. nochmals 1952 bis 1954<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>20.07.1945: als erster \u00f6sterreichischer Akademiker Wiederverleihung des am 17.06.1942 aus rassistischen Gr\u00fcnden aberkannten Doktortitels<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1949 \u2013 1952: Pr\u00e4sident des Oberlandesgerichts Wien<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1945 \u2013 1954: Pr\u00e4sident des \u00d6sterreichischen Fu\u00dfball-Bundes sowie ab 1946 Pr\u00e4sident des \u00d6sterreichischen Olympischen Comit\u00e9s.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gestorben am 28.12.1954 in Wien<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>1973 wurde in Wien-Liesing die Ger\u00f6gasse nach ihm benannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Claudia Kuretsidis-Haider\/Rudolf Leo: \u201edachaureif \u201c. Der \u00d6sterreichertransport aus Wien in das Konzentrationslager Dachau am 1. April 1938. Biografische Skizzen der Opfer, Wien 2019, ISBN: 978-3-901142-75-8, 344 S., mit zahlr. Abb., \u20ac 25.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes und von der Zentralen \u00f6sterreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz.<\/p>\r\n<p><strong>Anmerkung RL: Verwendung von Bildern oder Texten nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Autors.<\/strong><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Kuretsidis-Haider\/Rudolf Leo: \u201edachaureif\u201c &#8211; Der \u00d6sterreichertransport aus Wien in das KZ Dachau am 1. 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