{"id":334,"date":"2016-10-06T11:47:43","date_gmt":"2016-10-06T09:47:43","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/?p=334"},"modified":"2025-02-27T18:12:13","modified_gmt":"2025-02-27T17:12:13","slug":"st-poelten-das-havanna-an-der-traisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2016\/10\/06\/st-poelten-das-havanna-an-der-traisen\/","title":{"rendered":"St. P\u00f6lten &#8211; Das Havanna an der Traisen"},"content":{"rendered":"<p><b>(c) Rudolf Leo, 2006. Wer behauptet, der Balkan beginne am S\u00fcdbahnhof, irrt. Nein, rund 60 Kilometer westlich von Wien, als sozusagen westlichste Stadt im Osten, liegt St. P\u00f6lten. <\/b><\/p>\n<p>Bereits der Name kommt etwas holprig \u00fcber die Lippen: \u201eSankt P\u00f6llltennn!\u201c Diesen wenig attraktiven Namen verdankt die Stadt dem Heiligen Hippolyt. Urspr\u00fcnglich hie\u00df sie &#8211; nach dem Fluss &#8211; Traisma. Seit der Trennung von Wien im Jahr 1922 hatte Nieder\u00f6sterreich keine eigene Hauptstadt mehr. Erst 1986 \u2013 der damalige Landeshauptmann Siegfried Ludwig setzte sich damit ein Denkmal \u2013 wurde die Stadt an der Traisen zum Zentrum und zum Sitz der Verwaltung Nieder\u00f6sterreichs bestimmt und somit als Landeshauptstadt geboren.<!--more--><\/p>\n<p>Die Stadt mit den rund 50.000 Einwohnern hat historisch kaum H\u00f6hepunkte erlebt. Weltweites Aufsehen erregte St. P\u00f6lten nur einmal \u2013 und zwar im Sommer 2004 durch Bischof Krenn und seine Alumnen\u2026<br \/>\nGibt man \u201eSt. P\u00f6lten\u201c in die weltweite Internetsuchmaschine Google ein, erh\u00e4lt man rund 500.000 Suchergebnisse. Bei Graz sind es rund 10 Millionen, Salzburg bringt es auf rund 15 Millionen, Wien auf rund 33 Millionen Suchergebnisse.<\/p>\n<p>Kaum ein Ort dokumentiert besser, wozu die politische Farbenlehre in \u00d6sterreich f\u00fchren kann. Hier die rote Stadt, da das schwarze Land. Sozialdemokraten und Volkspartei blockieren sich in St. P\u00f6lten gegenseitig. Das \u00d6VP-dominierte Land l\u00e4sst keine Gelegenheit aus, um der sozialdemokratisch regierten Stadt zu zeigen, wo Gott wohnt. Und umgekehrt. Das von der \u00d6VP getragene Landhausviertel wirkt wie ein Fremdk\u00f6rper im Landschaftsbild. Rund herum gibt es nur mehrspurige Stra\u00dfen. Nicht einmal Landeshauptmann Erwin Pr\u00f6ll hat es geschafft, einen direkten Durchgang zur Stadt errichten zu lassen. Weil zwei Politiker nicht miteinander konnten, schaut die Stadt so aus, wie sie ausschaut. Der fr\u00fchere SP\u00d6-B\u00fcrgermeister Willi Gruber (1985 bis 2004) und der seit 1992 regierende \u00d6VP-Landeshauptmann Erwin Pr\u00f6ll waren keine Freunde. Darum endet die sozialdemokratische Stadt vor dem Landhaus der Volkspartei. Daf\u00fcr r\u00e4cht sich das Land. Finanzielle Zuwendungen flie\u00dfen haupts\u00e4chlich nach Krems. Mit dem Ergebnis: Krems bl\u00fcht, St. P\u00f6lten darbt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"\" src=\"http:\/\/static.twoday.net\/Leo\/images\/Landhaus-St-Polten.jpg\" alt=\"Landhaus-St-Polten\" width=\"400\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Seit 1997 pr\u00e4gt das Landhaus der Nieder\u00f6sterreichischen Landesregierung das Stadtbild von St. P\u00f6lten. Im Mai 1997 traditionell von Bischof Krenn mit einem Festgottesdienst er\u00f6ffnet, ist es mittlerweile das ungeliebte Wahrzeichen der Stadt. Architektonisch ist es ein ambitioniertes Objekt aus viel Glas und Metall. Es wirkt klar, transparent und offen. Architekt Ernst Hoffmann hat einen guten Arbeitsplatz f\u00fcr 3.000 Beamte geschaffen. Leider hat das Landhaus die \u00d6ffnung zur Stadt nie wirklich geschafft. Das \u201erote\u201c St. P\u00f6lten hat das \u201eschwarze\u201c Landhaus nie wirklich angenommen.<\/p>\n<p>Ausl\u00e4ndische Touristen haben Probleme, St. P\u00f6lten zu finden. Offiziell gibt es nur Regional- oder Eilz\u00fcge (\u201eBeschleunigte\u201c), die nach St. P\u00f6lten fahren. Keine Anzeigentafel eines IC oder EC weist darauf hin, dass der Zug auch in der Landeshauptstadt stehen bleibt. Der IC 544, \u201eOber\u00f6sterreichische Landesmuseen\u201c, hat folgende Streckenauflistung: Wien \u2013 Linz \u2013 Attnang Puchheim \u2013 Bad Aussee \u2013 Steinach Irdning. Der EC 163, \u201eTransalpin\u201c: Basel \u2013 Z\u00fcrich \u2013 Buchs \u2013 Feldkirch \u2013 Innsbruck \u2013 Kufstein \u2013 Salzburg \u2013 Linz \u2013 Wien. IC 645, \u201eHeeresgeschichtliches Museum\u201c: Salzburg \u2013 Linz \u2013 Wien. Die Denkweise der \u00d6BB ist damit klar dokumentiert: Wer will schon nach St. P\u00f6lten?<\/p>\n<p>Wer trotzdem am \u2013 wie es in St. P\u00f6lten hei\u00dft \u2013 \u201eLandeshauptstadtbahnhof\u201c ankommt, sp\u00fcrt den unvergleichlichen Charme des Ostens. Das Bahnhofsgeb\u00e4ude w\u00e4re eine ideale Filmkulisse: morbid, alt, rostig. Pl\u00e4ne f\u00fcr einen Umbau des Bahnhofes gibt es seit vielen Jahren. Neuerdings hei\u00dft es, dass im Jahr 2013 um rund 155 Millionen Euro ein neuer Landeshauptstadtbahnhof errichtet werden soll. Bleibt abzuwarten, ob es dazu kommt. Gleich hinter dem Bahnhof, Richtung Norden, ist der \u201eGewerkschaftsplatz\u201c. Der Name sagt schon einiges \u00fcber seine Atmosph\u00e4re aus. Er wirkt wie aus den sechziger Jahren \u00fcbrig geblieben. Den M\u00fchlweg entlang Richtung Herzogenburgerstra\u00dfe befindet sich die schmucklose sozialistische Architektur der 50er Jahre. Monumentale Gemeindebauten. Der Geruch der Glanzstoff-Fabrik liegt seit 1903 bei\u00dfend s\u00fc\u00dflich in der Luft. Als Fremder erkennt man an dem Gestank immerhin, dass man in St. P\u00f6lten ist. Sollte man noch Zweifel haben, hilft einem die Gastronomie: fast jedes Lokal hat ein \u201eLandeshauptstadtst\u00fcberl\u201c. Man ist wirklich stolz auf den Titel.<\/p>\n<p>Vor dem Bahnhofsgeb\u00e4ude, Richtung S\u00fcden, beginnt die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Sie zeigt die beste Seite der Landeshauptstadt. Zahlreiche Spuren des Baumeisters Jakob Prandtauer aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert sind hier zu bewundern. Auch die barocke Innenstadt ist sehenswert. Lieblich. Nett. Beschaulich. Auch Freunde des Jugendstils kommen im Zentrum der Stadt auf ihre Kosten. Das sch\u00f6nste Jugendstilgeb\u00e4ude der Stadt, das &#8222;Olbrichhaus&#8220;, Kremser Gasse 41, wurde 1899 vom Architekten der Wiener Secession, Joseph Maria Olbrich, errichtet. Dazwischen gibt es allerdings Fassaden, die eher an Havanna erinnern. Heruntergekommen. Kaputt. Aber irgendwie pittoresk.<\/p>\n<p>Die Wiener Stra\u00dfe war schon in der R\u00f6merzeit eine der beiden Hauptstra\u00dfen der Stadt. Nach 1100 wurde sie zum Zentrum der vom Bischof von Passau angelegten b\u00fcrgerlichen Kaufmannsiedlung. Daran, dass sie als europ\u00e4ischer Reiseweg Bedeutung hatte, erinnern zahlreiche ehemalige Einkehrgasth\u00f6fe. Heute findet man dort die typischen Planungsfehler (nicht nur) Nieder\u00f6sterreichs. Riesige Einkaufzentren am Stadtrand haben das Gesch\u00e4ftesterben eingeleitet, von dem auch St. P\u00f6lten nicht verschont geblieben ist. Auch die Landeshauptst\u00e4dter setzen sich lieber ins Auto und fahren zur n\u00e4chsten Shopping City. Das Gesch\u00e4ft ums Eck bleibt buchst\u00e4blich auf der Strecke. Die Wiener Stra\u00dfe pr\u00e4gen heruntergelassene Rolll\u00e4den, kaputte Gesch\u00e4fte. \u00dcberall sieht man Schilder: \u201ezu vermieten\u201c, \u201ezu verkaufen&#8220;.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"\" src=\"http:\/\/static.twoday.net\/Leo\/images\/Eierautomat.jpg\" alt=\"Eierautomat\" width=\"400\" height=\"300\"><\/p>\n<p>St. P\u00f6lten hat wahrscheinlich ein unl\u00f6sbares Problem: es liegt zu nahe an Wien. Lange vor Einbruch der Dunkelheit werden daher die Gehsteige hochgeklappt. Die Sch\u00fcler sind l\u00e4ngst wieder nach Zwettl, Gm\u00fcnd oder Krems zur\u00fcckgekehrt. Und die Landesbeamten sitzen am Wiener Spittelberg.<\/p>\n<p>Trotzdem mag ich St. P\u00f6lten. Irgendwie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(c) Rudolf Leo, 2006. Wer behauptet, der Balkan beginne am S\u00fcdbahnhof, irrt. Nein, rund 60 Kilometer westlich von Wien, als&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":335,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[29,2,4],"tags":[],"class_list":["post-334","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege-artikel","category-historisches","category-zeit-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=334"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":549,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334\/revisions\/549"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}