{"id":32,"date":"2016-03-07T16:47:50","date_gmt":"2016-03-07T15:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/?p=32"},"modified":"2025-02-28T11:38:08","modified_gmt":"2025-02-28T10:38:08","slug":"gedenken-an-ungarisch-juedische-zwangsarbeiter-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2016\/03\/07\/gedenken-an-ungarisch-juedische-zwangsarbeiter-in-wien\/","title":{"rendered":"Gedenken an ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter in Wien"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Die Geschichte der Gedenktafel im ehemaligen Lager in der Wiener Hackengasse 11. Hintergrund: Die ungarisch-j\u00fcdischen Arbeitskr\u00e4fte wurden bei Bau- und R\u00e4umungsarbeiten nach Bombenangriffen eingesetzt. Der Arbeitgeber mit der gr\u00f6\u00dften Anzahl j\u00fcdischer Besch\u00e4ftigter ist die Gemeinde Wien.&nbsp;<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<h3>1944\/45: Stadt Wien als Arbeitgeber f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter<\/h3>\n<p>(c) Rudolf Leo: Mit zunehmender Kriegsdauer wird \u2014 trotz Zwangsverpflichtung ausl\u00e4ndischer Arbeiter \u2014 der Mangel an Arbeitskr\u00e4ften im \u201eDritten Reich\u201c immer gr\u00f6\u00dfer. Der B\u00fcrgermeister von Wien, SS-Brigadef\u00fchrer Hans Blaschke, ersucht deshalb am 7. Juni 1944 den Chef des Sicherheitsdienstes der SS Ernst Kaltenbrunner um Bereitstellung von ungarischen Juden f\u00fcr kriegswichtige Betriebe in Wien. Aus diesem Grund werden in vielen Bezirken Wiens Internierungslager f\u00fcr Juden, in denen auch nicht arbeitsf\u00e4hige \u2014 f\u00fcr \u201eSonderaktionen\u201c bereitgehaltene \u2014 Frauen und Kinder festgehalten werden, .<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><!--more--><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn1\" name=\"_ednref1\"><\/a>Die damals 28j\u00e4hrige Leiterin der F\u00fcrsorgeabteilung, Franzi L\u00f6w, erinnert sich: <em>\u201eDer Lagerleiter aus dem 15. Bezirk, aus der Hackengasse, hat die Kultusgemeinde [sic] angerufen, mich verlangt und gebeten, ich soll so rasch wie m\u00f6glich in das Lager kommen, es seien 600 Menschen in seinem Lager, die Hilfe ben\u00f6tigen. Ich habe alles stehen und liegen gelassen, bin sofort in die Hackengasse gefahren [\u2026] Es waren alle 600 Juden in einem gro\u00dfen Turnsaal versammelt. Ich habe ihnen gesagt, dass auch ich J\u00fcdin bin, genauso wie sie Juden sind [\u2026] der j\u00fcdische Leiter, ein Herr G\u00f6nd\u00f6r, hat als erstes um Medikamente und W\u00e4sche gebeten. Wir hatten ja [\u2026] beim \u00c4ltestenrat eine Kleiderkammer. Aus dieser Kleiderkammer konnte ich den ungarischen Juden das Notwendigste f\u00fcr jeden, Hemden, Hosen, Taschent\u00fccher und Anz\u00fcge, zur Verf\u00fcgung stellen. Auch in diesem Falle hatte mir der \u00c4ltestenrat einen Handwagen zur Verf\u00fcgung gestellt, und mit diesem Handwagen, der so gro\u00df war wie ein Tisch, bin ich von der Seitenstettengasse jeden Tag in ein anderes Lager gefahren\u2026<\/em>\u201c<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn2\" name=\"_ednref2\"><em><strong>[2]<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n<p>Die ungarisch-j\u00fcdischen Arbeitskr\u00e4fte werden bei Bau- und R\u00e4umungsarbeiten nach Bombenangriffen eingesetzt. Das Gauarbeitsamt teilt den Arbeitgebern je nach Bedarf Gruppen in unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe zu. Der Arbeitgeber mit der gr\u00f6\u00dften Anzahl j\u00fcdischer Besch\u00e4ftigter ist die Gemeinde Wien. Hier werden sie im E- und Gas-Werk und in der Landwirtschaft eingesetzt.<\/p>\n<p>Die Verpflegung der Lagerinsassen ist schlecht. Die H\u00e4ftlinge sind auf Nahrungsmittel von ZivilistInnen angewiesen. Lappin Eppel: <em>\u201e\u2026Die Wachen des Lagers Hackengasse duldeten die an sich streng verbotenen Hilfeleistungen durch die Zivilbev\u00f6lkerung. So gut wie jede\/r \u00dcberlebende berichtet, von ZivilistInnen Nahrungsmittel bekommen zu haben. Dies war auch bitter n\u00f6tig, denn auch im \u201aMusterlager\u2018 Hackengasse kam das Essen von der W\u00d6K und war entsprechend schlecht. Es bestand vorwiegend aus D\u00f6rrgem\u00fcse und Futterr\u00fcbensuppe sowie einem Viertel oder Drittel Laib Brot t\u00e4glich, bisweilen erhielten die Insassen auch ein wenig Wurst oder Aufstrich (\u2026) Den Hunger konnten die viel zu kleinen Portionen nicht stillen\u2026\u201c<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn3\" name=\"_ednref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Im Lager Hackengasse m\u00fcssen sich f\u00fcnf oder sechs Familien ein Klassenzimmer teilen. F\u00fcr die \u201eInfrastruktur\u201c verrechnet die Abteilung 45 der Gemeinde Wien den Arbeitgebern 3,40 Reichsmark pro ArbeiterIn und Arbeitstag \u201ef\u00fcr Entlohnung, Ausfallskosten, Verpflegung und Unterkunft\u201c.<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<h3>1995: Enth\u00fcllung einer Gedenktafel f\u00fcr die Opfer<\/h3>\n<p>Im September 1995 \u2014 50 Jahre nach Kriegsende \u2014 wird mit einer Gedenktafel an das Schicksal der ungarisch-j\u00fcdischen ZwangsarbeiterInnen erinnert.<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Text:<br \/>\nIn diesem Haus waren<br \/>\nzwischen Juni 1944<br \/>\nund April 1945<br \/>\netwa<br \/>\n500 ungarische Juden,<br \/>\ndarunter<br \/>\nzahlreiche Kinder,<br \/>\ninterniert.<br \/>\nSie waren von den<br \/>\nNationalsozialisten<br \/>\nals Arbeitssklaven<br \/>\nverschleppt worden.<br \/>\nViele von ihnen<br \/>\nstarben an den<br \/>\nerlittenen Entbehrungen<br \/>\nund Mi\u00dfhandlungen.<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn6\" name=\"_ednref6\"><strong>[6]<\/strong><\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Stifter ist der Museumsverein Rudolfsheim-F\u00fcnfhaus. Gestaltet wird die Tafel von Horst St\u00f6ckel.<\/p>\n<p>Die Gedenktafel entstand auf Initiative von Mitarbeitern des Instituts f\u00fcr Geschichte der Juden in \u00d6sterreich und des Dokumentationsarchivs des \u00f6sterreichischen Widerstandes. Die Enth\u00fcllung findet am 7. September 1995 statt. Es sprechen Bezirksvorsteher-Stellvertreter Paul Zimmermann, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und B\u00fcrgermeister Michael H\u00e4upl. Oberkantor Shmuel Barzilai schlie\u00dft die Gedenkfeier mit einem religi\u00f6sen Gesang. <a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<h3>2006: Hausabriss<\/h3>\n<p>Im August 2006 wird das Haus abgerissen. Mit dem Abbruch verschwindet auch die Gedenktafel.<\/p>\n<h3>2014: Bezirkspolitiker beschlie\u00dfen einstimmig Antrag f\u00fcr Gedenktafel<\/h3>\n<p>Am 13. November 2014 beschlie\u00dfen alle Parteien im Bezirk die Wiederanbringung der Gedenktafel.<\/p>\n<p><em>MEHRPARTEIENANTRAG<\/em><\/p>\n<p><em>Wien &#8211; Rudolfsheim-F\u00fcnfhaus<\/em><\/p>\n<p><em>An die<\/em><\/p>\n<p><em>Bezirksvertretung<\/em><\/p>\n<p><em>Rudolfsheim-F\u00fcnfhaus<\/em><\/p>\n<p><em>Gasgasse 8-10<\/em><\/p>\n<p><em>1 1 5 0 W i e n<\/em><\/p>\n<p><em>Betrifft: Mehrparteienantrag zur Bezirksvertretungssitzung am 13. November 2014 betreffend Gedenktafel Hackengasse 11<\/em><\/p>\n<p><em>Die unterzeichneten Bezirksr\u00e4te stellen gem. \u00a7 24 GO-BV nachstehenden<\/em><\/p>\n<p><em>A N T R A G<\/em><\/p>\n<p><em>Die MA 7 wird gebeten, am Haus Hackengasse 11 wieder eine Gedenktafel anzubringen , wie sie bereits 1995 angebracht wurde und auf die Internierung von 500 ungarischen Juden hingewiesen hat.<\/em><\/p>\n<p><em>B E G R \u00dc N D U NG<\/em><\/p>\n<p><em>Im Zuge der Abbrucharbeiten ist diese Tafel verschwunden. Der Bezirksvertretung ist es aber wichtig, auf die Situation in diesen Zeiten hinzuweisen, damit auch die junge Generation \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten informiert wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Ing. Roman Adametz<\/em><\/p>\n<p><em>Mag. Merja Biedermann<\/em><\/p>\n<p><em>Christian Tesar<\/em><\/p>\n<p>Auch der zust\u00e4ndige Stadtrat Mailath Pokorny spricht sich im Dezember 2014 in einem Schreiben f\u00fcr die Wiederanbringung der Gedenktafel aus.<\/p>\n<p>Der 70. Jahrestag w\u00e4re der geeignete Anlass, eine neue Gedenktafel (da die alte nicht aufgefunden werden kann) anzubringen und damit dem Schicksal der in der Hackengasse zwangsweise angehaltenen ungarischen Juden und J\u00fcdinnen zu gedenken und den Opfern ein w\u00fcrdevolles Andenken zu bewahren.<\/p>\n<h1>Am 4. September 2015 wird die neue Gedenktafel enth\u00fcllt.<\/h1>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.nachkriegsjustiz.at\/vgew\/1150_hackengasse.php\">http:\/\/www.nachkriegsjustiz.at\/vgew\/1150_hackengasse.php<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Franzi L\u00f6w. In D\u00d6W (Hg.), J\u00fcdische Schicksale, S. 195; zitiert In: Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-J\u00fcdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in \u00d6sterreich 1944\/45, LIT Verlag, 2010 S. 86<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-J\u00fcdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in \u00d6sterreich 1944\/45, LIT Verlag, 2010 S. 97<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Vgl. Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-J\u00fcdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in \u00d6sterreich 1944\/45, LIT Verlag, 2010 S. 91 ff<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Gedenken und Mahnen in Wien 1934-1945. Gedenkst\u00e4tten zu Widerstand und Verfolgung, Exil, Befreiung. Eine Dokumentation (hrsg. v. Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes, Bearbeitung: Herbert Exenberger, Heinz Arnberger, unter Mitarbeit von Claudia Kuretsidis-Haider), Wien 1998, S, 333 sowie 337.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Text auf der Messingtafel des Hauses Hackengasse 11<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog\/entry\/gedenktafel-fuer-juedische-zwangsarbeiterinnen-c-rudolf-leo#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Wiener Zeitung, 8. 9. 1995; Gedenktafel f\u00fcr Zwangsarbeiter, in: Die Presse, 8. 9. 1995; Der neue Mahnruf, Nr. 8\/9, August\/September 1995; Enth\u00fcllung der Gedenktafel in der Hackengasse, in: David. J\u00fcdische Kulturzeitschrift, Nr. 26, September 1995; Gedenktafel f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter, in: Schalom. Zeitschrift der \u00f6sterreichisch-israelischen Gesellschaft, Nr. 3, September 1995; Gedenktafel f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter, in: Die Gemeinde. Offizielles Organ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Nr. 451, 20. 9. 1995; Gedenktafel f\u00fcr ungarisch-j\u00fcdische Zwangsarbeiter, in: Rathaus-Korrespondenz, Nr. 35\/36, 1995; Mitteilungen D\u00d6W 123\/1995. <a href=\"http:\/\/www.nachkriegsjustiz.at\/vgew\/1150_hackengasse.php\">http:\/\/www.nachkriegsjustiz.at\/vgew\/1150_hackengasse.php<\/a><\/p>\n<p><strong>Anmerkung RL: Verwendung von Bildern oder Texten nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Autors.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Gedenktafel im ehemaligen Lager in der Wiener Hackengasse 11. 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