{"id":24,"date":"2016-03-07T16:16:34","date_gmt":"2016-03-07T15:16:34","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/?p=24"},"modified":"2025-02-28T10:47:27","modified_gmt":"2025-02-28T09:47:27","slug":"andreas-rieser-der-kaplan-vom-zwiebelturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2016\/03\/07\/andreas-rieser-der-kaplan-vom-zwiebelturm\/","title":{"rendered":"Pfarrer Andreas Rieser \u2013 Der Kaplan vom Zwiebelturm"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Andreas Rieser hat schon fr\u00fch erkannt, wohin der Nationalsozialismus f\u00fchren wird. Kurz nach dem &#8222;Anschluss&#8220; schreibt er seine Gedanken in einer Urkunde nieder. Die Schrift bringt ihn in das Konzentrationslager Dachau, wo er bis zum Ende des Krieges interniert wird.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>(c) Rudolf Leo: Im Gegensatz zur F\u00fchrung der Kirche, die sich rasch mit dem NS-Regime arrangierte, trotzen zahlreiche Priester in Salzburg dem Nationalsozialismus. In manchen Predigten wird kein Blatt vor den Mund genommen, in Schriften wird gegen das System angeschrieben. Einer der prominentesten Salzburger Priester ist der Bramberger Ehrenb\u00fcrger Andreas Rieser. Der damals 30j\u00e4hrige Pfarradministrator wird im Sommer 1938 verhaftet. Bei der Renovierung der Kirche in Dorfgastein (Pongau) hinterlegt Pfarradministrator Rieser eine regimekritische Urkunde im Kirchturmknauf. Der Spenglermeister \u00fcbergibt das Dokument der zust\u00e4ndigen NS-Ortsgruppenleitung. Rieser schildert am 23. J\u00e4nner 1947 vor der Opferf\u00fcrsorge Salzburg sein Schicksal: <!--more--><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>&#8222;Der Grund der Verhaftung war die Hinterlegung einer Urkunde in den Kirchturmknauf anl\u00e4sslich der Renovierung des Kirchturmes. In diesem Dokument habe ich den Nationalsozialismus und die ganze Regierung angeprangert und schriftlich niedergelegt, da\u00df wir im M\u00e4rz 1938 \u00fcberfallen wurden und da\u00df \u00d6sterreich schweren Zeiten entgegengehen wird, den das 3. Reich noch elendiglicher verspielen wird als das Deutschland 1918, und dann \u00d6sterreich wieder selbst\u00e4ndig sein wird. (siehe Anhang)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Dieses Dokument sollte der Spengler von Schwarzach-St. Veit, Wei\u00df, in den Knauf einl\u00f6ten, ri\u00df aber den versiegelten Brief auf und \u00fcbergab ihn der Ortsgruppe (&#8230;)<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Ich war dann bis zum 31. Juli 1938 im Polizeigef\u00e4ngnis in Salzburg. Am 31. Juli 1938 wurde ich nach M\u00fcnchen in das Polizeigef\u00e4ngnis \u00fcberstellt und am 3. August 1938 nach Dachau eingeliefert. Dort wurde ich festgehalten bis zum 26. September 1939, an diesem Tag wurde ich nach Buchenwald bei Weimar transportiert, dort verblieb ich bis zum 7. Dezember 1940. Am selben Tage werde ich wieder zur\u00fccktransportiert nach Dachau, wo ich bis zum 26. April 1945 verbleiben musste. An diesem Tage wurde ich mit Hunderten von H\u00e4ftlingen auf den Todesmarsch gesetzt \u2013 Dachau \u2013 \u00d6tztal. Am 1. Mai 1945 wurden wir (&#8230;) von den Alliierten befreit.&#8220;<\/em><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog#_edn1\" name=\"_ednref1\"><\/a><\/p>\n<p>Mitteilung von Andreas Rieser aus dem KZ Dachau, 10. M\u00e4rz 1939:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>&#8222;Da ich mich wiederholt im Lager strafbar machte, unterliege ich den versch\u00e4rften Haftma\u00dfnahmen:<\/em><\/p>\n<ol>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li><em>Ich darf im \u00bc Jahr nur einen Brief empfangen und schreiben.<\/em><\/li>\n<li><em>Ich darf im \u00bc Jahr nur 10,- RM empfangen.<\/em><\/li>\n<li><em>Der Empfang jeglicher Pakete ist verboten<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Andreas Rieser&#8220;<\/em><a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog#_edn2\" name=\"_ednref2\"><\/a><\/p>\n<p>Andreas Rieser \u00fcberlebt rund sieben Jahre in den Konzentrationslagern.<a href=\"http:\/\/zeit-geschichte.com\/index.php\/easyblog#_edn3\" name=\"_ednref3\"><\/a> Der \u00d6sterreichische Rundfunk hat die Geschichte Riesers unter dem Titel &#8222;Der Kaplan vom Zwiebelturm&#8220; verfilmt. Andreas Rieser arbeitet bis zu seinem Tod am 3. M\u00e4rz 1966 als Pfarrer in Bramberg, wo er als Ehrenb\u00fcrger begraben wird. Die Gemeinde Bramberg widmet dem Widerstandsk\u00e4mpfer im Jahr 2013 einen Platz. Der ehemalige Kirchenplatz hei\u00dft nun \u201eAndreas Rieser Platz\u201c. Eine Tafel an der Kirchenmauer erinnert an Rieser.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #000000;\">Text des Schreibens von Andreas Rieser aus vom 18. Juni 1938, das Rieser in das KZ brachte:<\/span><\/h3>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201e\u2026um 1928 traten die Nazi auf, Hitler, die NSDAP, um durch r\u00fccksichtslose Gewalt die Macht in Deutschland zu erlangen! Die ganze Hitlerei w\u00e4re nicht so schlimm \u2026. Aber das Gef\u00e4hrliche ist, da\u00df die Hitler ein Volk, ein Reich, ein F\u00fchrer wollen und einen deutschen Glauben. Rosenberg mit seinem Mythos des 20. Jahrhunderts ist der deutsche Papst. Darum wollen die Nazi, weil ein Reich, ein Gro\u00dfdeutschland, angestrebt wurde und noch wird, auch das kleine \u00d6sterreich schnappen\u2026 F\u00fchrten auch die Tausendmarksperre ein\u2026 und so hatte es Hitler leicht, im M\u00e4rz 1938 \u00d6sterreich zu \u00fcberfallen und einzusacken. Es wurde besetzt\u2026 und sowas nennt man Befreiung. Es ist furchtbar, was jetzt der Jugend vorgemacht wird\u2026 Alle [besonders in Deutschland, dass Andreas Rieser \u201eNazidonien\u201c nennt] erhoffen sich von Hitler die Rettung: viele haben aber schon genug\u2026 Das preu\u00dfische Gro\u00dfmaul hat viele Worte aber wenig Geist\u2026 Wir Priester haben einen schweren Stand. Gar manche von den Nazi eingekerkert, sitzen heute noch. Viele ber\u00fchmte M\u00e4nner kamen nach Dachau und werden dort schrecklich behandelt. Christliche Zeitungen gibt es nicht, nur Nazizeitungen, Lug und Trug und Aufschnitt. Alle Nazischreiber sind schon kleiner geworden. Das Ganze Gewaltregime kann sich wohl nicht l\u00e4nger halten. Wir hoffen, da\u00df \u00d6sterreich seine Rolle nicht beendet hat, sonst h\u00e4tte Gott uns nicht f\u00fcnf Jahre, von 1933 bis 1938, k\u00e4mpfen lassen\u2026 Preu\u00dfen mu\u00df zerschlagen werden, dann kann \u00d6sterreich wieder aufstehen. Aber nach welchen Opfern\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Danach folgen einige Worte \u00fcber die Familie Rieser mit Unterschrift: \u201eGeschrieben zu Dorfgastein, am Samstag vor dem Fronleichnam-Sonntag, dem 18. Juni 1938. Andreas Rieser e.h., Kooperator in Stumm in Tirol, derzeit Pfarrprovisor in seiner Heimatgemeinde.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-41\" src=\"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/rieser_hoenigschmid-300x300.jpg\" alt=\"rieser_hoenigschmid\" width=\"244\" height=\"244\"><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<pre>Quellen:<\/pre>\n<p>Weitere Infos zu Andreas Rieser und der Kirche in Salzburg finden Sie im Buch <a href=\"http:\/\/www.omvs.at\/de\/buecher\/der-pinzgau-unterm-hakenkreuz-1716\/\">&#8222;Pinzgau unterm Hakenkreuz&#8220;, Otto M\u00fcller Verlag, 2013<\/a><\/p>\n<p>Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945, Bd. 2, S 300 und D\u00d6W 18.562<\/p>\n<p>Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945, Bd. 2, S 299 ff und D\u00d6W E 19.257\/1<\/p>\n<p>Das Martyrium von Andreas Rieser im Konzentrationslager Dachau ist im Buch &#8222;Blutzeugen des Glaubens Martyrologium des 20. Jahrhunderts&#8220; dokumentiert. Herausgeber: Jan Mikrut; Wiener Dom-Verlag 2000.<\/p>\n<p>Hans H\u00f6nigschmid, Chronik Bramberg, S 529<\/p>\n<h4>Anmerkung RL: Verwendung von Bildern und Texten nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Autors.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Rieser hat schon fr\u00fch erkannt, wohin der Nationalsozialismus f\u00fchren wird. 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