{"id":204,"date":"2016-04-30T18:29:21","date_gmt":"2016-04-30T16:29:21","guid":{"rendered":"https:\/\/agt.624.mytemp.website\/rlwp\/?p=204"},"modified":"2025-03-01T16:25:23","modified_gmt":"2025-03-01T15:25:23","slug":"ich-erschoss-ihn-vorschriftsgemaess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2016\/04\/30\/ich-erschoss-ihn-vorschriftsgemaess\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich erschoss ihn vorschriftsgem\u00e4\u00df&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Claudia Kuretsidis-Haider: &#8222;Das Volks sitzt zu Gericht&#8220;, \u00d6sterreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel der Engerau-Porzesse 1945-1954, Studien Verlag, Wien 2006<\/strong><\/em><\/p>\n<p>(c) Rudolf Leo: Am 15. Mai 1945, nur wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erscheint der damals 40-j\u00e4hrige Fleischhauer und Selcher Rudolf Kronberger aus eigenem Antrieb bei der Staatspolizei in Wien, um eine Zeugenaussage zu machen. Diese Aussage wird den ersten und gr\u00f6\u00dften Prozesskomplex gegen NS-T\u00e4ter in der Nachkriegsgeschichte ausl\u00f6sen. Kronberger ist, heute w\u00fcrde man sagen, \u201esituationselastisch\u201c. Im Austrofaschismus denunziert er illegale Nationalsozialisten. Nach dem \u201eAnschluss\u201c tritt er der NSDAP bei und wird SA-Scharf\u00fchrer. Jetzt, nach dem Ende des Nationalsozialismus, versucht er erneut die Seite zu wechseln. Kronberger tritt die Flucht nach vorne an und erstattet bei der Staatspolizei \u201eAnzeige gegen Angeh\u00f6rige der SA im Judenlager Engerau\u201c. Er bietet sich als Kronzeuge an und erkl\u00e4rt, dass er selbst von Herbst 1944 bis zum 29. M\u00e4rz 1945 \u201eim Judenlager Engerau\u201c als SA-Scharf\u00fchrer \u201ein besonderer Verwendung\u201c eingesetzt war. Kronberger gibt zu Protokoll:<!--more--><\/p>\n<p>\u201eAls die SA das Judenlager in Engerau errichtete, wurden ca. 2000 Juden (ungarische) in das genannte Lager aufgenommen. An den Juden wurden folgende Gewalttaten ver\u00fcbt: Anl\u00e4sslich des Abmarsches Ende M\u00e4rz 1945 aus dem Lager Richtung nach Deutsch Altenburg wurde ich als Wegf\u00fchrer bestimmt und ging an der Spitze des Zuges. Hinter mir fand eine w\u00fcste Schie\u00dferei statt, bei der 102 Juden den Tod fanden. An dieser Erschie\u00dfung nahmen teil: SA-Sturmf\u00fchrer Falkner, SA Truppenf\u00fchrer Neunteufel Wilhelm [\u2026], Marine-SA-Mann Acher, SA-Oberscharf\u00fchrer Karkofsky [richtig: Kacovsky].<\/p>\n<p>Ich war selbst Zeuge dieser grundlosen Erschie\u00dfung und werde mich zwecks Ausfindungsmachung noch pers\u00f6nlich bem\u00fchen und das von mir gefundene Anschriftenmaterial bekannt geben.\u201c<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten belastet Kronberger den 34-j\u00e4hrigen Maler und Anstreicher, SA-Truppenf\u00fchrer Wilhelm Neunteufel. Mehrere Angeh\u00f6rige der SA-Wachmannschaft werden in den folgenden Tagen verhaftet. Die Abteilung IV des Polizeikommissariates Landstra\u00dfe in der R\u00fcdengasse beginnt mit der Einvernahme der Verd\u00e4chtigen. Alle best\u00e4tigen im Wesentlichen die Angaben, belasten allerdings auch Kronberger bez\u00fcglich der Ermordung von ungarischen Juden.<\/p>\n<p>Der 49-j\u00e4hrige Koch Alois Frank sieht keine Veranlassung, seine Taten zu verschweigen. Handelten aus seiner Sicht doch alle Beteiligten \u201enur auf Befehl\u201c.<\/p>\n<p>Frank gibt zu Protokoll:<\/p>\n<p>\u201eAm 20. oder 21. Feber stand ich auf Posten und in der Nacht versuchte ein Jude zu fl\u00fcchten. Ich erschoss ihn vorschriftsgem\u00e4\u00df. Am n\u00e4chsten Tag sah ich, dass er von r\u00fcckw\u00e4rts durch die Brust getroffen war.\u201c<\/p>\n<p>Aufgrund der massiven Anschuldigungen von Neunteufel und Frank wird Kronberger im Fr\u00fchjahr 1945 schlie\u00dflich noch einmal von der Polizei einvernommen. Kronberger versucht von seinen Taten abzulenken und gibt die Namen weiterer T\u00e4ter preis. Er erkennt bald die Aussichtslosigkeit seiner Situation und kann nur schwer verstehen, warum nun auch er, der \u201eKronzeuge\u201c, in Haft genommen wird.<\/p>\n<h3>Das Lager Engerau<\/h3>\n<p>Im November und Dezember 1944 kommen rund 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Budapest am Bahnhof von Engerau (Petr\u017ealka, Bratislava) an. Sie werden in alten Baracken, Bauernh\u00f6fen, Scheunen, St\u00e4llen und Kellern der Ortsbev\u00f6lkerung untergebracht und m\u00fcssen Schanzarbeiten leisten. Die ungarischen Juden werden in den letzten Monaten der NS-Herrschaft gezwungen, den so genannten \u201eS\u00fcdostwall\u201c gegen die heranr\u00fcckende Sowjetarmee zu bauen. Ein milit\u00e4rstrategischer Unsinn, da er gegen die Panzer der Sowjets keinen Schutz bieten konnte. Das Lager Engerau besteht aus mehreren Teillagern, die von gro\u00dfteils aus Wien stammenden SA-M\u00e4nnern sowie von \u201ePolitischen Leitern\u201c bewacht werden. Die Lebensumst\u00e4nde im Lager Engerau sind katastrophal. T\u00e4glich sterben mehrere H\u00e4ftlinge an den menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen, an Hunger, K\u00e4lte und Entkr\u00e4ftung. Andere werden von Angeh\u00f6rigen der Wachmannschaft \u201eauf der Flucht erschossen\u201c, erschlagen, oder sind zur \u201eLiquidation\u201c freigegeben worden, wof\u00fcr eigens einige SA-M\u00e4nner \u201ezur besonderen Verwendung\u201c abgestellt werden. Am 29. M\u00e4rz 1945 wird das Lager Engerau evakuiert. Der Marsch der Gefangenen f\u00fchrte \u00fcber Wolfsthal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg. Dabei erschie\u00dfen SA-M\u00e4nner an die hundert Personen.<\/p>\n<h3>Der Prozess<\/h3>\n<p>Ende Mai 1945 verhaftet die Polizei auch den 43-j\u00e4hrigen Sattlergehilfen Konrad Polinovsky. Aus den Gerichtsakten geht nicht hervor, wer ihn belastet. Bereits im Sommer 1945 findet im Landesgericht Wien der Prozess gegen die vier ehemaligen SA-M\u00e4nner statt. Ihnen wird die Ermordung von ungarisch-j\u00fcdischen Zwangsarbeitern vorgeworfen. Die Angeklagten stehen im August 1945 vor einem \u00f6sterreichischen Gericht. Die Alliierten beobachten den Prozess aufmerksam.<\/p>\n<p><strong>Rudolf Kronberger<\/strong><\/p>\n<p>Rudolf Kronberger wird am 22. M\u00e4rz 1905 in Ferschnitz, Bezirk Melk, in Nieder\u00f6sterreich geboren. Er besucht vier Klassen der Volksschule und verbringt nach eigenen Angaben eine ungl\u00fcckliche Jugend. Im f\u00fcnften Lebensjahr verliert er seine Mutter, der Vater heiratet noch einmal. Seine zweite Frau bringt zwei Kinder in die neue Ehe. Kronberger wird als Kind bei einem Bauern untergebracht und muss als Knecht arbeiten. Sp\u00e4ter erlernt er den Beruf als Fleischhauer und Selcher. 1924 kommt er nach Wien und arbeitet in einer Fleischhauerei in der Fasangasse. 1935 wechselt er die Arbeitsstelle und arbeitet in der j\u00fcdischen Gro\u00dfschlachterei Br\u00fcder Reinharz im 15. Bezirk. In dieser Firma kommt er mit illegalen Nationalsozialisten in Kontakt, die er bei seinem Chef denunziert. Zw\u00f6lf Nationalsozialisten werden in der Folge von der Kriminalpolizei festgenommen. Nach dem \u201eAnschluss\u201c verliert Kronberger die Arbeit in der Gro\u00dfschlachterei. Im Herbst 1938 tritt er der NSDAP bei und wird SA-Scharf\u00fchrer. Ab Herbst 1939 arbeitet er als Eisenbahner bei der Reichsbahn. Auch diesen Posten verliert er wieder. Am 8. November 1944 wird der SA-Scharf\u00fchrer einberufen und zur Bewachungsmannschaft nach Engerau abkommandiert.<\/p>\n<p><strong>Alois Frank<\/strong><\/p>\n<p>Alois Frank wird am 22. J\u00e4nner 1896 in Wien geboren. Frank absolviert die Volksschule, die B\u00fcrgerschule und die Gewerbeschule zum Koch. Der arbeitslose Koch tritt bereits 1935 der SA Standarte 24 bei. Er erhofft sich durch den Beitritt Arbeit zu finden. Seine T\u00e4tigkeit in der Illegalit\u00e4t, so seine Angaben, beschr\u00e4nkt sich auf das Streuen von Flugbl\u00e4ttern und das Beschmieren mit Hakenkreuzen. Im Oktober 1935 wird Frank festgenommen und zu sechs Wochen Haft verurteilt. Nach dem \u201eAnschluss\u201c wird er wieder aktiver Nationalsozialist. Seine Mitgliedsnummer ist eine f\u00fcr die \u201eillegalen\u201c reservierte 6 Millionen-Nummer. Er wird Blockleiter der Ortsgruppe K\u00fcbeckgasse im 3. Bezirk. Im April 1944 schafft er es zum Scharf\u00fchrer der SA. Am 4. J\u00e4nner 1945 kommt er nach Engerau zum Bauabschnitt Kittsee.<\/p>\n<p><strong>Wilhelm Neunteufel <\/strong><\/p>\n<p>Wilhelm Neunteufel wird am 7. Oktober 1901 in Wien geboren. Er beginnt zun\u00e4chst als gelernter Koch und Zuckerb\u00e4cker zu arbeiten, danach als Maler und Anstreicher. 1931 absolviert er die Meisterpr\u00fcfung und er\u00f6ffnet in der Zentagasse 3 in Wien 5 ein Malergesch\u00e4ft. Das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft die ersten Jahre gut. 1934 \u00e4ndert sich die Situation: Neunteufel steckt tief in den Schulden. Der \u201eAnschluss\u201c \u00e4ndert die finanzielle Situation. Neunteufel transportiert gegen Bezahlung NS-Funktion\u00e4re in Wien mit seinem Motorrad. Er tritt der NSDAP und der SA-Standarte 24 bei und erh\u00e4lt dadurch Hilfe f\u00fcr seinen angeschlagenen Malerbetrieb. Bis 1940 besch\u00e4ftigt Neunteufel neun Mitarbeiter in seinem Gesch\u00e4ft. Im M\u00e4rz 1940 wird er einberufen. Aufgrund einer Kriegsverletzung ist Neunteufel nachtblind und kann nur mehr bedingt zum Dienst eingezogen werden. 1944 wird Neunteufel nach Engerau abkommandiert.<\/p>\n<p><strong>Konrad Polinovsky<\/strong><\/p>\n<p>Konrad Polinovsky wird am 9. Juli 1902 in Wien geboren. Nach der allgemeinen Volksschule absolviert er 1916 eine Lehre als Sattler. Im Anschluss daran arbeitet er von 1919 bis 1923 als Hilfsarbeiter bei verschiedenen Wiener Firmen oder ist arbeitslos. 1924 wird Polinovsky beim M\u00fcnzamt in Wien 3., angestellt. Ab 1938, so seine Angaben, geh\u00f6rt er der Betriebs-SA und mehreren NS-Organisationen an. Im Oktober 1944 wird er von der SA \u201eNotdienstverpflichtet\u201c und nach Kittsee als Streifenposten entsandt. Anfang Dezember 1944 wird er zur Aufsicht der ungarisch-j\u00fcdischen Zwangsarbeiter nach Engerau versetzt.<\/p>\n<h3>Die Urteile<\/h3>\n<p>Am 17. August 1945 f\u00e4llt das Volksgericht Wien seine Urteile:<\/p>\n<p>Kronberger, Frank und Neunteufel werden unter anderem vom Volksgericht in Wien wegen \u201edes Verbrechens des vollbrachten, vielfachen gemeinen Mordens\u201c zum Tode verurteilt und im November 1945 hingerichtet. Polinovsky wird wegen \u201edes Verbrechens der Qu\u00e4lerei und Misshandlung\u201c zu einer achtj\u00e4hrigen Kerkerstrafe verurteilt. Er wird nach zwei Jahren Haft von Bundespr\u00e4sident Karl Renner begnadigt und am 1.10.1949 entlassen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung RL: Verwendung von Bildern oder Texten nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Autors.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Kuretsidis-Haider: &#8222;Das Volks sitzt zu Gericht&#8220;, \u00d6sterreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel der Engerau-Porzesse 1945-1954, Studien Verlag, Wien 2006&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":206,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[24,28,2],"tags":[],"class_list":["post-204","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weltkrieg2","category-empfehlungen","category-historisches"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=204"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1428,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions\/1428"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/206"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}