{"id":1183,"date":"2025-02-18T14:29:29","date_gmt":"2025-02-18T13:29:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/?p=1183"},"modified":"2025-02-28T10:38:36","modified_gmt":"2025-02-28T09:38:36","slug":"anton-brugger-wehrdienstverweigerer-kaprun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/2025\/02\/18\/anton-brugger-wehrdienstverweigerer-kaprun\/","title":{"rendered":"Anton Brugger &#8211; Wehrdienstverweigerer Kaprun"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eWenn Du diese Zeilen erh\u00e4ltst, dann werde ich wohl nicht mehr unter den Lebenden sein.\u201c &#8211; Das Schicksal des Wehrdienstverweigerers Anton Brugger aus Kaprun (Land Salzburg) <\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><em><strong>[1]<\/strong><\/em><\/a><\/strong><\/p>\n<p>(c) Rudolf Leo: Der Fall des aus Ober\u00f6sterreich stammenden St. Radegunder Wehrdienstverweigerers Franz J\u00e4gerst\u00e4tter ist in den heimischen Geschichtsb\u00fcchern verankert. Das Schicksal des um vier Jahre j\u00fcngeren Anton Brugger aus Kaprun ist nur in Historikerkreisen bekannt. Nur wenige Kapruner kennen die Geschichte von Anton Brugger. Dabei sind beide Schicksale sehr \u00e4hnlich. J\u00e4gerst\u00e4tter und Brugger haben das f\u00fcnfte Gebot \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten!\u201c w\u00f6rtlich genommen. In Zeiten des Nationalsozialismus ist das ein Todesurteil.<\/p>\n<p>Anton Brugger wird am 9. April 1911 in Kaprun geboren. Als Mitglied der Adventisten ist f\u00fcr ihn klar, dass er keine Waffe in die Hand nehmen wird. Zu Kriegsbeginn gelingt ihm die Flucht nach Italien. Sein Ziel ist es mit einem Schiff nach Amerika zu gelangen. In Italien wird er von der Polizei festgenommen und wieder in das Deutsche Reich ausgeliefert. Brugger scheint die kommenden dunklen Jahre vorauszusehen, als er seiner Frau schreibt:<\/p>\n<h2><em>Sonntag, den 16. Juni 1940, auf der Fahrt (im Zug)<\/em><\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eMeine liebste Esther!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wenn Du diese B\u00fccher erhalten wirst, dann bin ich schon in Deutschland. Ich bin jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, in Begleitung von zwei Beamten von Milano im Zug zwischen Verona und Bolzano auf dem Weg zum Brenner. Leider hat man mich nicht freigelassen. (\u2026)<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Meine liebe Esther, wir d\u00fcrfen trotz allem nicht verzagen. Wenn ich auch jetzt nach Deutschland zur\u00fcckkomme, so kann der Herr seine Gnade doch alles so lenken, da\u00df zum Schlu\u00df alles gut wird. Wir m\u00fcssen eben jetzt viel Geduld haben und daran denken, da\u00df viele liebe Geschwister auf der ganzen Erde, besonders aber in Europa, jetzt in gro\u00dfer Schwierigkeit sind. Jetzt ist die Zeit, da jeder einzelne gepr\u00fcft wird, ob er wohl in allen Situationen der Wahrheit treu bleibt\u2026\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Am 14. M\u00e4rz 1941 wird er vom Landesgericht Salzburg wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> zu zwei Jahren Haft verurteilt. 1943, kurz nach Verb\u00fc\u00dfung seiner Haft, wird er neuerlich zum Wehrdienst einberufen. Wieder verneint er den Dienst mit der Waffe. Sein Glaube ist ungebrochen. Am 5. J\u00e4nner 1943 wird er vom Reichskriegsgericht wegen \u201eZersetzung der Wehrkraft\u201c zum Tode verurteilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzten Briefe von Anton Brugger an seine Mutter und seine Frau geben ein eindrucksvolles Bild \u00fcber die ausweglose Situation des jungen Pazifisten. Ausz\u00fcge:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><em>Berlin-Tegel am 17.12.1942<\/em><\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eMein lieber Schatz!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>(\u2026) Von mir kann ich Dir leider nichts Ermutigendes mitteilen. Wie Du ja schon von Mutter wissen wirst, wurde ich pl\u00f6tzlich zur Wehrmacht einberufen und bin dort in Schwierigkeiten gekommen wegen meiner besonderen Einstellung. Es wurde gegen mich ein Verfahren eingeleitet, wo die Hauptverhandlung am 18. J\u00e4nner 43 stattfinden wird\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eMein inniggeliebter Schatz!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wenn Du diese Zeilen erh\u00e4ltst, dann werde ich wohl nicht mehr unter den Lebenden sein. Wie das alles gekommen ist, das wirst Du wohl schon von Mutter erfahren haben. Ja, es gibt f\u00fcr mich keinen anderen Weg, wenn ich meiner Glaubensbezeugung treu bleiben wollte. Wenn auch damit unsere Hoffnung, hier vereint zu werden, sich nicht erf\u00fcllte, so haben wir doch noch die viel herrlichere Gewissheit, uns beim Herrn wiederzusehen und nie mehr getrennt zu werden\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eLiebe Mutter!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wenn auch all das Traurige, das \u00fcber uns gekommen ist, noch so schwer ist, so bitte ich, deshalb doch nicht zu verzagen. So gerne ich Dir den bitteren Schmerz erspart h\u00e4tte, aber ich konnte wirklich nicht anders. Auch die Herren bei Gericht haben es in der Weise gut mit mir gemeint. Man hat mir immer wieder zugeredet, meine Haltung zu \u00e4ndern und mir bis zuletzt Gelegenheit gegeben, meine Einstellung aufzugeben. So gut man es mit mir auch meinen mag, so kann ich dies doch um alles in der Welt nicht tun. Da ich bei meiner Taufe dem Herrn Jesu Treue gelobt und ihm versprochen habe, unter allen Umst\u00e4nden seine Gebote zu halten, so bleibt f\u00fcr mich kein anderer Weg, als das Bittere geduldig \u00fcber mich ergehen zu lassen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Am 5. J\u00e4nner wurde ich zur Todesstrafe verurteilt, und jetzt hat man mir mitgeteilt, da\u00df am 20. das Urteil best\u00e4tigt wurde, also rechtskr\u00e4ftig geworden ist. So habe ich nun jeden Tag zu erwarten, da\u00df man mich zu dem schweren Gang holt\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em>Seinen letzten Brief an seine Mutter schreibt Brugger am 3. Februar 1943 im Strafgefangenenhaus Brandenburg-G\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eMeine liebe teure Mutter!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Ich bitte Dich, wenn Du diese meine letzten Abschiedsgr\u00fc\u00dfe erh\u00e4ltst, dann sei nicht verzagt, sondern stark und getrost. Deinen letzten Brief habe ich erhalten, und er hat mich sehr getr\u00f6stet. Deine gutgemeinten Bem\u00fchungen wegen eines Gnadengesuchs werden wohl sowieso vergebens sein. Wenn er auch Erfolg h\u00e4tte, dann w\u00fcrde es zu sp\u00e4t sein, weil heute mein letzter Tag ist. Ja, nun ist es wirklich ernst geworden. Um 6 Uhr abends wird das Urteil an mir vollstreckt. (\u2026) Nun habe ich betreffs meiner Bestattung noch eine Bitte: Ich m\u00f6chte gerne haben, da\u00df ich in Salzburg am Kommunalfriedhof beigesetzt werde. Wenn ich dort bin, k\u00f6nnt Ihr mich alle von Zeit zu Zeit besuchen. Dazu ist aber notwendig, da\u00df Du ein Ansuchen an die Ortspolizeiverwaltung Brandenburg-Havel richtest und um die \u00dcbersendung der Urne Deines am 3. Februar 1943 dort im Gefangenenhaus Brandenburg verstorbenen Sohnes nach Salzburg bittest. (\u2026)<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Ich gr\u00fc\u00dfe noch die Lieben \u00fcberall. Der Herr segne und beh\u00fcte Dich! In inniger Sohnesliebe gr\u00fc\u00dfe und k\u00fcsse ich Dich in der Hoffnung, Dich und alle Lieben beim Herrn wiederzusehen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Euer Anton\u201c<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1185\" src=\"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/stolperstein_brugger-300x257.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/stolperstein_brugger-300x257.jpg 300w, https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/stolperstein_brugger.jpg 760w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Anton Brugger erlebt seinen 32. Geburtstag nicht mehr. Am 3. Februar 1943 wird er im Zuchthaus in Brandenburg hingerichtet. Das Gnadengesuch seiner Mutter wird \u201emit R\u00fccksicht auf die Notwendigkeit des Krieges\u201c abgelehnt. Im Salzburger Stadtteil Maxglan, Josef-Schwer-Gasse 8, erinnert ein Stolperstein an das Schicksal von Anton Brugger.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Foto, Briefe und Schreiben des Oberreichskriegsanwalt vom 5.2.an Elise Brugger In: Bericht \u00fcber den Kriegsdienstverweigerer Anton Brugger. Aus: Hans Fleschutz, Und folget ihrem Gebot nach! Gedenkbuch f\u00fcr die Blutzeugen der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung. Jagsthausen\/Heilbronn (Wttbg.) 1967, S.41 \u2013 52. D\u00d6W 20.473<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Fleschutz S. 43 ff<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> D\u00d6W 20.491<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.stolpersteine-salzburg.at\/de\/orte_und_biographien?victim=Brugger,Anton\">http:\/\/www.stolpersteine-salzburg.at\/de\/orte_und_biographien?victim=Brugger,Anton<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Anmerkung RL: Verwendung von Bildern und Texten nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Autors.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWenn Du diese Zeilen erh\u00e4ltst, dann werde ich wohl nicht mehr unter den Lebenden sein.\u201c &#8211; Das Schicksal des Wehrdienstverweigerers&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1184,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[24,23],"tags":[],"class_list":["post-1183","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weltkrieg2","category-widerstand-1938-1945"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1183"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1312,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1183\/revisions\/1312"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeit-geschichte.com\/rlwp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}