Historischer Hintergrund

Das Lager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Engerau

http://www.nachkriegsjustiz.at/aktuelles/Zeitung_Engerau_1.pdf

Ende November / Anfang Dezember 1944 kamen ca. 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Bu­dapest am Bahnhof von Engerau (Petržalka, Bratislava) an. Sie wurden in alten Baracken, Bau­ern­hö­fen, Scheunen, Ställen und Kellern der Ortsbevölkerung einquartiert und mussten Skla­ven­ar­beit im Rah­men des so genannten Südostwallbaues leisten – eine militärisch sinnlose und viele Opfer for­dern­de Maßnahme, um die vorrückende Rote Armee in ihrem Vormarsch Rich­tung Westen aufzuhalten.
Das Lager Engerau bestand aus mehreren Teillagern, die von großteils aus Wien stammenden SA-Män­nern sowie von „Politischen Leitern“ bewacht wurden. Die Lebensumstände im Lager Engerau wa­ren katastrophal. Täglich starben Häftlinge an den menschenunwürdigen Bedingungen, an Hunger, Käl­te und Entkräftung. Andere wurden von Angehörigen der Wachmannschaft „auf der Flucht erschossen“, er­schlagen, oder waren zur „Liquidation“ freigegeben worden, wofür einige SA-Männer „zur besonderen Ver­wendung“ abgestellt waren. Eine von der slowakischen Regierung im April 1945 zusammengestellte Kom­mission exhumierte mehr als 500 Leichen, die auf dem Friedhof von Petržalka bestattet sind und er­richtete mehrere Gedenksteine, die auch heute noch existieren.

Das Teillager Leberfinger

Im Nebengebäude des heutigen Restaurants Leberfinger in der Viedenská cesta in Bratis­la­va, direkt an der Donaupromenade gelegen, befand sich eines der Engerauer Teillager.
Die Ju­den waren in einem ehe­maligen Pferdestall einquartiert.
Der ehemalige Häftling Ernö Honig schilderte die dortigen Lebensbedingungen:

 „Wir schliefen […] in einem Stall mit betoniertem Boden ohne jede Unterlage und ohne Hei­zung, sodass von uns, als wir Engerau verließen, nur mehr wenige am Leben waren. Die übri­gen wurden teils bei der Arbeit e­r­schla­gen, teils starben sie an Erschöpfung oder den Folgen von schweren Erfrierungen. Es war uns verboten, uns zu wa­schen und wir waren deshalb vo­ller Läuse und voll von Furunkeln und anderen eiternden Wunden.“

Im Zuge der Evakuierung des Lagers Engerau liquidierte ein aus Angehörigen der Wach­mann­schaft zu­sam­men gesetztes „Sonderkommando“ zumindest 13 Häftlinge des Teillagers Le­ber­finger.

Die Evakuierung des Lagers am 29. März 1945

Am 29. März 1945 wurde das Lager Engerau evakuiert. Der Marsch der Gefangenen führte über Wolfs­thal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg. Dabei erschossen SA-Männer und „Politische Leiter“ mehr als hundert Personen. Auf dem Gelände des heutigen Kurparks an der Donau in Bad Deutsch-Al­ten­burg mussten die ungarischen Juden auf ihren Weitertransport war- ten. Während des Transportes auf Schleppkähne nach Mauthausen kamen zahlreiche Gefangene durch Erschießen oder Verhungern um. Nach einer siebentägigen Fahrt wurden sie in das Konzentrationslager eingewiesen. Aufgrund der dort vorherrschen- den Überbelegung wurden sie auf einen weiteren Marsch von Mauthausen in das Wald­lager Gunskirchen bei Wels getrieben, wo ebenfalls unzählige Menschen starben. Anfang Mai 1945 befreiten US-Truppen die wenigen Überlebenden.

Die Engerau-Prozesse

Bereits am 15. Mai 1945 erstattete einer der an den Verbrechen in Engerau beteiligten SA-Männer in Wien Anzeige. Diese zog die umfangreichsten und am längsten andauernden gerichtlichen Ermittlungen we­gen NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Österreichs nach sich. Zwischen 1945 und 1954 fanden in Wien – vor von der österreichischen Regierung eigens zum Zwecke der Ahn­dung von NS-Verbrechen installierten Gerichten – zahlreiche Prozesse statt, sechs davon erhielten die Be­zeichnung „Engerau-Prozesse“. Der 1. Engerau-Prozess im August 1945 war gleichzeitig der erste Pro­zess wegen NS- Gewaltverbrechen in Österreich. In den insgesamt sechs Engerau-Prozessen wa­ren 21 ehemalige SA-Männer und „Politische Leiter“ angeklagt. Neun von ihnen wurden zum Tode ver­ur­teilt und hingerichtet, einer erhielt eine lebenslange Haftstrafe, einer 20 Jahre, einer 19 Jahre. Ein An­ge­klagter wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelte in der Strafsache Engerau ge­gen 72 Personen.

Der Gedächtnisraum Engerau – eine transnationale Gedenkkultur

Seit dem Jahr 2000 führt die Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (Organisation: Dr.in Claudia Kuretsidis-Haider) alljährlich Ende März rund um den Jahrestag der Räumung des Lagers En­gerau und der darauffolgenden Massaker eine „Gedenkfahrt“ durch. Am Beginn der Gedenkfahrt fin­det jedes Jahr beim in den 1950er Jahren errichteten Mahnmal an die Opfer des Lagers Engerau auf dem Friedhof von Petržalka eine Kundgebung statt, an der neben den TeilnehmerInnen der Bus­ex­kur­si­on zahlreiche Menschen aus Bratislava sowie VertreterInnen der österreichischen und israelischen Bot­schaft, der jüdischen Gemeinde sowie der Stadt Bratislava anwesend sind. Wäh­rend mit dem großen Mahn­mal und den bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit errichteten Grä­bern auf dem Friedhof in Petr­žalka von slowakischer Seite ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an die ungarischen Juden des La­gers Engerau gesetzt wurde, fehlte auf österreichischer Seite mehr als 60 Jahre lang eine ähnliche Ini­tiative. Hier existierte außer dem „Kriegsgrab“ in Bad Deutsch-Altenburg, wo die Herkunft der Be­stat­te­ten nicht kontextualisiert war, bis März 2011 im öffentlichen Raum kein sichtbares Gedenken für die To­ten von Engerau. Auf Initiative des Bürgermeisters von Wolfsthal Gerhard Schödinger und des Orts­pfar­rers Pater Ernst Walecka wurde am 27. März 2011 in der Ortsmitte bei der Kirche.
2016 wurde das „Kriegsgrab“ in Bad Deutsch-Altenburg mit einer großen Informationstafel ergänzt.

Die Gedenktafel am Restaurant Leberfinger

Beim Restaurant Leberfinger erinnert bis heute mehr als 70 Jahre nach den Verbrechen nichts an die Op­fer. Auf Initiative der Zentralen österreichischen Forschungsstelle wird von den Justizministern der Slo­wakei, Österreichs und Ungarns am 29. März 2017 eine Gedenktafel im Eingangsbereich des Lokals ent­hüllt. Die Gedenktafel wird vom slowakischen Künstler Vladimír Chovan (Atelier 007, De­le­ná 7, Bra­tis­lava 841 07) angefertigt. Das Erinnerungszeichen soll nicht nur an die er­mor­de­ten Juden des Mas­sa­kers am 29. März, sondern an alle Opfer des Lagers Engerau erinnern.

Der Text lautet:

Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befand sich von November 1944 bis März 1945 in Petr­žal­ka (Engerau, Pozsonyligetfalu) ein Lager für ungarisch-jüdische Zwangs­arbeiter, die am „Südostwall“ Schanz­arbeit leisten mussten. Die ca. 2.000 un­ga­ri­schen Juden waren zwangsweise unter unmenschlichen Be­din­gun­gen in mehreren Teil­la­gern einquartiert. Eines der Teillager befand sich im Nebengebäude des damaligen Gast­hau­ses Leberfinger. Im Zuge der Evakuierung der Gefangenen in das KZ Mauthausen wurden hier am 29. März 1945 mindestens 13 Häftlinge von Wiener SA-Männern ermordet.
Ehre Ihrem Andenken!
An die 1945 von einer slowakischen Untersuchungskommission exhumierten 460 Toten des La­gers Engerau, da
­run­ter die mehr als 100 Opfer des Evakuierungsmarsches, erinnern ein Mahn­mal auf dem Friedhof von Petr­žal­ka sowie Gedenksteine in Wolfsthal und Bad Deutsch-Altenburg.

Wir vergessen weder die Leiden der Opfer noch die Verbrechen der Täter.
Niemals wieder!

Initiative: Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz

Der Text der Gedenktafel ist in slowakischer, ungarischer, deutscher und hebräischer Spra­che zu lesen.

http://www.zeit-geschichte.com/wpckh/category/gedenktafel/