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Historischer Hintergrund

Published / by Claudia

Das Lager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Engerau

Ende November / Anfang Dezember 1944 kamen ca. 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Bu­dapest am Bahnhof von Engerau (Petržalka, Bratislava) an. Sie wurden in alten Baracken, Bau­ern­hö­fen, Scheunen, Ställen und Kellern der Ortsbevölkerung einquartiert und mussten Skla­ven­ar­beit im Rah­men des so genannten Südostwallbaues leisten – eine militärisch sinnlose und viele Opfer for­dern­de Maßnahme, um die vorrückende Rote Armee in ihrem Vormarsch Rich­tung Westen aufzuhalten.
Das Lager Engerau bestand aus mehreren Teillagern, die von großteils aus Wien stammenden SA-Män­nern sowie von „Politischen Leitern“ bewacht wurden. Die Lebensumstände im Lager Engerau wa­ren katastrophal. Täglich starben Häftlinge an den menschenunwürdigen Bedingungen, an Hunger, Käl­te und Entkräftung. Andere wurden von Angehörigen der Wachmannschaft „auf der Flucht erschossen“, er­schlagen, oder waren zur „Liquidation“ freigegeben worden, wofür einige SA-Männer „zur besonderen Ver­wendung“ abgestellt waren. Eine von der slowakischen Regierung im April 1945 zusammengestellte Kom­mission exhumierte mehr als 500 Leichen, die auf dem Friedhof von Petržalka bestattet sind und er­richtete mehrere Gedenksteine, die auch heute noch existieren.

Die Evakuierung des Lagers am 29. März 1945

Am 29. März 1945 wurde das Lager Engerau evakuiert. Der Marsch der Gefangenen führte über Wolfs­thal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg. Dabei erschossen SA-Männer und „Politische Leiter“ mehr als hundert Personen. Auf dem Gelände des heutigen Kurparks an der Donau in Bad Deutsch-Al­ten­burg mussten die ungarischen Juden auf ihren Weitertransport war- ten. Während des Transportes auf Schleppkähne nach Mauthausen kamen zahlreiche Gefangene durch Erschießen oder Verhungern um. Nach einer siebentägigen Fahrt wurden sie in das Konzentrationslager eingewiesen. Aufgrund der dort vorherrschen- den Überbelegung wurden sie auf einen weiteren Marsch von Mauthausen in das Wald­lager Gunskirchen bei Wels getrieben, wo ebenfalls unzählige Menschen starben. Anfang Mai 1945 befreiten US-Truppen die wenigen Überlebenden.

Die Engerau-Prozesse

Bereits am 15. Mai 1945 erstattete einer der an den Verbrechen in Engerau beteiligten SA-Männer in Wien Anzeige. Diese zog die umfangreichsten und am längsten andauernden gerichtlichen Ermittlungen we­gen NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Österreichs nach sich. Zwischen 1945 und 1954 fanden in Wien – vor von der österreichischen Regierung eigens zum Zwecke der Ahn­dung von NS-Verbrechen installierten Gerichten – zahlreiche Prozesse statt, sechs davon erhielten die Be­zeichnung „Engerau-Prozesse“. Der 1. Engerau-Prozess im August 1945 war gleichzeitig der erste Pro­zess wegen NS- Gewaltverbrechen in Österreich. In den insgesamt sechs Engerau-Prozessen wa­ren 21 ehemalige SA-Männer und „Politische Leiter“ angeklagt. Neun von ihnen wurden zum Tode ver­ur­teilt und hingerichtet, einer erhielt eine lebenslange Haftstrafe, einer 20 Jahre, einer 19 Jahre. Ein An­ge­klagter wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelte in der Strafsache Engerau ge­gen 72 Personen.

Der Gedächtnisraum Engerau – ein Ort transnationaler Gedenkkultur

Seit dem Jahr 2000 führt die Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (Organisation: Dr.in Claudia Kuretsidis-Haider) alljährlich Ende März rund um den Jahrestag der Räumung des Lagers En­gerau und der darauffolgenden Massaker eine „Gedenkfahrt“ durch. Am Beginn der Gedenkfahrt fin­det jedes Jahr beim in den 1950er Jahren errichteten Mahnmal an die Opfer des Lagers Engerau auf dem Friedhof von Petržalka eine Kundgebung statt, an der neben den TeilnehmerInnen der Bus­ex­kur­si­on zahlreiche Menschen aus Bratislava sowie VertreterInnen der österreichischen und israelischen Bot­schaft, der jüdischen Gemeinde sowie der Stadt Bratislava anwesend sind.

Während auf slowakischer Seite mit einem Mahnmal und Grabsteinen auf dem Friedhof in Petržalka bereits in den ersten Nachkriegsjahren ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an die ungarischen Juden des Lagers Engerau gesetzt wurde, fehlte auf niederösterreichischer Seite mehr als 60 Jahre lang eine ähnliche Initiative. Hier existierte außer einem „Kriegsgrab“ auf dem Friedhof in Bad Deutsch-Altenburg, wo die Herkunft der Bestatteten nicht kontextualisiert war, bis März 2011 im öffentlichen Raum kein sichtbares Gedenken für die Toten von Engerau. Auf Initiative des Bürgermeisters von Wolfsthal Gerhard Schödinger und des Ortspfarrers Pater Ernst Walecka wurde am 27. März 2011 in der Ortsmitte vor der Kirche ein Gedenkstein enthüllt und damit ein erstes Zeichen des Gedenkens in Österreich gesetzt. 2015 wurde an die Stelle des „Kriegsgrabes“ in Bad Deutsch-Altenburg eine Grabplatte mit neuer Textierung angebracht und der Grabstein erneuert. Am 29. März 2017 wurde auf Initiative der Zentralen österreichischen Forschungsstelle von den Justizministern aus der Slowakei, Ungarn und Österreich eine Gedenktafel für die Opfer des Lagers Engerau im Eingangsbereich des Restaurants Leberfinger, wo sich eines der Teillager von Engerau befand, enthüllt.
Am 29. März 2018 erfolgte in Hainburg die Einweihung eines Erinnerungszeichen im Gedenken an die Opfer des „Todesmarsches“.