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Publikation „Das Volk sitzt zu Gericht“ online

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Claudia Kuretsidis-Haider, „Das Volk sitzt zu Gericht“. Österreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel der Engerau-Prozesse 1945-1954

StudienVerlag Innsbruck-Wien-Bozen 2006, 496 Seiten, € 59.90
Reihe: Österreichische Justizgeschichte, Band 2

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Zum Buch:

Mit einer Anzeige des 40-jährigen Fleischhauers und Selchers Rudolf Kronberger aus dem 3. Wiener Gemeindebezirk begannen im Mai 1945 die umfangreichsten und am längsten andauernden gerichtlichen Ermittlungen wegen NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Österreichs. Sie zogen zwischen 1945 und 1954 zahlreiche Prozesse in Wien nach sich, sechs davon erhielten die Bezeichnung „Engerau-Prozesse“.

Der „Südostwall“ und die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter 1944/45 

Die Tatsache, dass österreichische Gerichte Verbrechen an ungarischen Juden, die beim „Südostwall“-Bau auf dem Gebiet der ehemaligen Ostmark Zwangsarbeit leisten mussten, nach 1945 nach österreichischen Gesetzen ahndeten, war über Jahre hinweg ein Forschungsdesiderat und ist international nach wie vor weitgehend unbekannt. Neben den Engerau-Prozessen fanden in Wien, Graz und Linz eine Reihe weiterer „Südostwallverfahren“ statt, wie beispielsweise wegen eines Massakers an ungarischen Juden im burgenländischen Rechnitz, wegen der Ermordung von ungarischen Juden in Deutsch-Schützen, sowie Prozesse wegen Verbrechen beim „Südostwall“-Bau im burgenländischen Strem. Neben Verbrechen an der österreichischen Zivilbevölkerung zu Kriegsende und Verbrechen bei der Räumung von Justizanstalten zählen die Morde beim „Südostwall“-Bau zu den so genannten „Endphaseverbrechen“, die in Österreich häufig Gegenstand von Verfahren waren.
Diese wurden von den – seitens der Provisorischen österreichischen Regierung bereits im Mai 1945 installierten – Volksgerichten auf der Grundlage eigens dafür verabschiedeter Gesetze durchgeführt.
Auf der Grundlage der Forschungstätigkeit der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz war es möglich, eine umfangreiche Arbeit über die Tätigkeit der österreichischen Volksgerichtsbarkeit anhand eines Fallbeispiels – nämlich eines Prozesskomplexes betreffend die Ahndung von Verbrechen an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern – vorzulegen. Herangezogen wurden dafür die „sechs Engerau-Prozesse“ wegen der Verbrechen, die von SA-Männern und „Politischen Leitern“ an ungarischen Juden im Zuge des „Südostwall“-Baues im Grenzort Engerau / Petržalka (bei Pressburg / Bratislava) und während des zu Kriegsende erfolgten Evakuierungsmarsches nach Deutsch-Altenburg sowie des anschließenden Schiffstransportes nach Mauthausen verübt worden waren, sowie einige damit in unmittelbarem Zusammenhang stehende Verfahren. Diese Prozesse fanden zwischen August 1945 und Juli 1954 vor dem Volksgericht Wien statt.

Ziel dieser rechts- und zeitgeschichtlichen Untersuchung war die Analyse der praktischen Tätigkeit des Volksgerichts Wien auf der Grundlage der über 8.000 Seiten umfassenden Gerichtsakten in der Strafsache Engerau, die sich über fast den gesamten Zeitraum des Bestehens der österreichischen Volkgerichtsbarkeit erstreckte. Die sechs Engerau-Prozesse wurden gegen 21 Angeklagte geführt; neun von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet – das war jedes fünfte der verhängten und jedes dritte der vollzogenen Todesurteile.

Verfahrensanalyse 1945–1954

Da der Quellenwert eines Gerichtsaktes nicht nur in der Anklageschrift, dem Hauptverhandlungsprotokoll und dem Urteil begründet ist, wird für alle Prozesse dem Gang des Verfahrens gefolgt. Intention dieser Vorgangsweise war es, die Ermittlungstätigkeit der Sicherheitsbehörden und der Staatsanwaltschaft zu dokumentieren, Änderungen im Erkenntnisinteresse des Gerichts im Laufe des Vorverfahrens aufzuzeigen, Aussagen von ZeugInnen jenen der Beschuldigten gegenüber zu stellen, zu vergleichen, welche im Vorverfahren hervorgekommenen vermutlichen Tatbestände für anklagreif erachtet wurden, Anklageschrift und Urteilsbegründung einem Vergleich zu unterziehen, die Hauptverhandlungsprotokolle hinsichtlich strafprozessrechtlicher Fragestellungen und Auseinandersetzungen zu untersuchen und schließlich den Vollzug des gefällten Urteils zu beleuchten. Auf der Grundlage der staatsanwaltschaftlichen Tagebücher war es in manchen Fällen möglich, Entscheidungsprozesse innerhalb der Staatsanwaltschaft zu rekonstruieren, die aus den Gerichtsakten nicht hervorgehen.

Der 1. Engerau-Prozess von 14. bis 17. August 1945 gegen vier Angehörige der SA-Lagerwache von Engerau war die erste Hauptverhandlung vor einem österreichischen Volksgericht und zog eine dementsprechend große öffentliche Aufmerksamkeit nach sich. Hier konnte daher aufgrund der umfassenden Zeitungsberichterstattung ein anschauliches Bild des Prozessverlaufes nachgezeichnet werden. Generell war die Frage des Umgangs mit NS-Verbrechen nicht nur in Österreich zu dieser Zeit ein öffentlich viel diskutiertes Thema, was eine historische Kontextualisierung möglich macht. In diesem Zusammenhang ist auch der zweite Engerau-Prozess von 12. bis 15. November 1945 gegen weitere fünf Bewachungsorgane zu sehen, der quasi als Fortsetzung des ersten Prozesses geführt wurde, allerdings vor dem Hintergrund des bereits eingespielten Alltags der Volksgerichtsprozesse.
Der 3. Engerau-Prozess von 16. Oktober bis 4. November 1946 war das größte Verfahren in der Strafsache Engerau und fiel in die Zeit des Höhepunkts der Volksgerichtsbarkeit in Österreich. In dieser Zeit fanden die wichtigsten, größten und spektakulärsten Prozesse statt. Aufgrund der großen Anzahl von Beschuldigten – unter den zehn Angeklagten befanden sich der für die Schanzarbeiten zuständige Unterabschnittsleiter und sein Stellvertreter sowie die beiden SA-Lagerkommandanten – und des mit elf Bänden großen Umfangs an Aktenmaterial konnte das Vorverfahren lediglich hinsichtlich der Ermittlungsgegenstände untersucht werden. Dessen Verlauf wäre auch nicht mehr rekonstruierbar gewesen, da große Teile des Aktes in Verstoß geraten sind, und offenbar nur mehr die wichtigsten Dokumente wieder hergestellt bzw. neu angelegt wurden.
Nach dem Ende des 3. Engerau-Verfahrens bemühte sich die Staatsanwaltschaft Wien vergeblich, weiteren mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für die Verbrechen in Engerau den Prozess zu machen. Der – trotz nie durchgeführter Hauptverhandlung – als „4. Engerau-Prozess“ bezeichnete Gerichtsakt ist neben dem 3. Engerau-Prozess der von der Seitenzahl umfangreichste. Er besteht aus zahlreichen Ermittlungsverfahren, die im Laufe der Zeit ausgeschieden, in anderen Verfahren einbezogen bzw. wieder rückeinbezogen worden sind. Zudem befinden sich im Akt eine Unzahl von Abschriften der vorangegangenen Untersuchungen in der Strafsache „Engerau“. Der Zustand dieses Gerichtsaktes spiegelt quasi den Zustand der österreichischen Volksgerichtsbarkeit zu dieser Zeit wieder, die geprägt war vom Bestreben, die justizielle Ahndung von NS-Verbrechen endlich abzuschließen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Wiedereingliederung ehemaliger NationalsozialistInnen in die Gesellschaft und dem Buhlen um ihre Wählerstimmen – einschließlich derjenigen der ehemaligen „Illegalen“.
1953/54 gelang noch die Verhaftung zweier weiterer tatverdächtiger SA-Männer, die schließlich im 5. und 6. Engerau-Prozess, am 12. und 13. April 1954 bzw. zwischen26. und 29. Juli 1954, vor dem Richter standen. Sie bildeten gleichsam den Schlusspunkt der österreichischen Volksgerichtsbarkeit, die nach dem Abzug der Alliierten im Dezember 1955 abgeschafft wurde.
Mit dem Ende des 6. Engerau-Prozesses fanden die Ermittlungen in der Strafsache Engerau aber noch nicht ihr Ende. Vor allem in den Akten des „4. Engerau-Prozesses“ liegen zahlreiche Dokumente aus den Jahren nach 1955, als die Volksgerichtsbarkeit bereits in die ordentliche Gerichtsbarkeit übergeleitet worden war.
Neben den seitens der Justiz so bezeichneten Engerau-Prozessen gab es auch noch einige weitere Verfahren, die – u.a. – Verbrechen im Lager Engerau zum Gegenstand hatten, aber großteils auf die Hauptprozesse keinen Bezug nahmen.

Vom Umgang mit Gerichtsakten

Neben dem Verlauf der Engerau-Prozesse im Jahrzehnt der intensivsten Ahndung von NS-Verbrechen in Österreich, nämlich bis 1955, diskutiert die Publikation auch Fragen der Methodik bei der wissenschaftlichen Arbeit mit Gerichtsakten, des historischen Hintergrundes des Lagers Engerau sowie des Umgangs der österreichischen Justiz mit den NS-Verbrechen und ihre gesetzlichen Grundlagen.

Opfer, Täter, Richter

In einem weiteren Abschnitt der Arbeit werden die „Akteure“ der Engerau-Prozesse einer näheren Betrachtung unterzogen und anhand von Biografien ausgewählter in die Verfahren involvierter Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte eine Milieustudie versucht.
Aufgrund der im Zuge der Vernehmungen durch den Untersuchungsrichter und in der Hauptverhandlung erhobenen „Generalien“ der Beschuldigten war mit Hilfe der Volksgerichtsakten eine Analyse der Sozialstruktur der Täter möglich.
Die Opfer waren in den Engerau-Prozessen, wie auch in anderen Volksgerichtsprozessen, zum überwiegenden Teil nur „stumme Zeugen“. Über die Toten gibt der Gerichtsakt – wenn überhaupt – nur in Form von Exhumierungslisten, Sachverständigengutachten und Berichten über die Leichenbeschau Auskunft, die Überlebenden wurden nur in Ausnahmefällen vor Gericht als Zeugen geladen. Die Geschichte der Engerau-Prozesse ist somit fast ausschließlich eine solche aus der Sicht der Täter. Dennoch sind die Volksgerichtsakten zur Erforschung der Geschichte der Opfer eine wichtige Quelle, weil sie erste Ansatzpunkte über deren Biografie liefern können.

Die Engerau-Prozesse waren Prozesse, bei denen von Männern an Männern begangene Verbrechen von Gerichten, die sich zum überwiegenden Teil aus Männern zusammensetzten, geahndet wurden (es gab allerdings Schöffinnen; Richter, Staatsanwälte und Verteidiger waren hingegen männlichen Geschlechts). Justiz war zur Zeit der Engerau-Prozesse fast ausschließlich „männlich“. Der Gender-Aspekt spielte dennoch unübersehbar eine Rolle, wenn Frauen als Zeuginnen vor Gericht auftraten, oder wenn es um ihre Rolle als Gattinnen (denen das Gericht den „Ernährer“ nehmen wollte), als Mütter, Töchter, oder als Untergebene ging.

In der Öffentlichkeit zu wenig bekannt

Die Engerau-Prozesse stellten den größten und längsten Prozesskomplex der Geschichte der österreichischen Volksgerichtsbarkeit dar. Deshalb war die Frage naheliegend, ob und in welchem Ausmaß diese Prozesse eine Wirkung auf die Öffentlichkeit ausstrahlten. Diese Fragestellung wurde anhand der Zeitungsberichterstattung über die Prozesse und deren Niederschlag in der historiografischen Literatur diskutiert.
Hauptanliegen der Arbeit war es, einen Beitrag zur jüngeren österreichischen Justizgeschichte zu leisten, die die Tätigkeit der österreichischen Volksgerichte zur Ahndung von nationalsozialistischen Verbrechen bislang nicht ausreichend gewürdigt hatte.

Das Buch ist den Tausenden namentlich bekannten und unbekannten ungarischen Juden und Jüdinnen, die zu Kriegsende in Österreich ihr Leben lassen mussten, gewidmet, die Opfer der NS-Herrschaft in ihrer letzten Phase wurde.

Nachstellung des 1. Engerau-Prozesses

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Von 14. bis 17. August 1945 fand im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts für Strafsachen in Wien der erste Prozess wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen statt. Angeklagt waren vier ehemalige SA-Männer, denen die Ermordung von ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern, die im Lager Engerau Sklavenarbeit beim Südostwallbau leisten mussten, zur Last gelegt wurde. Drei der Angeklagten wurden zum Tode, ein Angeklagter zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Informationen zum 1. Engerau-Prozess:
http://www.doew.at/erinnern/fotos-und-dokumente/1938-1945/das-volk-sitzt-zu-gericht/1-engerau-prozess-1945

Am 26. Oktober 2015 wurde vor 250 BesucherInnen im Beisein von Justizminister Wolfgang Brandstetter dieser erste österreichische NS-Prozesses – der 1. Engerau-Prozesses – statt. Die zweieinhalbstündige Aufführung wurde durch ein Team von Wien.TV aufgezeichnet, die Firma Videoandré produzierte daraus eine DVD.

DVD „Das Volk sitzt zu Gericht“
Nachstellung des 1. Engerau-Prozesses im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts für Strafsachen Wien
© Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, Wien
Historische Kontextualisierung und Texte: Claudia Kuretsidis-Haider
Preis: 15 Euro
Bestellung:
claudia.kuretsidis@nachkriegsjustiz.at
Kontoverbindung:
BIC: BKAUATWW | IBAN: AT43 1200 0502 8700 4500
lautend auf Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz

Fotos: Ulrike Garscha

Aktuell

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3. Mai 2018

Vortrag von Claudia KURETSIDIS-HAIDER:
Die Dokumentation der Justiz: Prozesse gegen die Verantwortlichen des Vernichtungslagers Maly Trostinec

im Rahmen der Vortragsreihe „Jüdische und nichtjüdische Quellen zu Vertreibung – Deportation – Vernichtung“

Veranstaltet vom Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung in Kooperation mit dem DÖW
Kosten: 24,- Euro (6,- Euro/Vortrag)

Ort: Veranstaltungsraum Ausstellung Dokumentationsarchiv, Altes Rathaus, Wipplingerstraße 6-8, 1010 Wien (Eingang im Hof)

Nähere Informationen:
https://www.doew.at/termine/juedische-und-nichtjuedische-quellen-zu-vertreibung-deportation-vernichtung

Gedenktafelenthüllung 29.3.2017 Medienberichterstattung

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Gedenktafelenthüllung 29.3.2017 Medienberichterstattung

Österreichische Medien:

http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/5185576/Das-Lager-Engerau_Und-hoerte-ich-sie-stoehnen

http://volksgruppen.orf.at/m/slovaci/stories/2836269/

Volksgruppen-TV-10.4.2017

https://www.justiz.gv.at/web2013/home/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen_2017/trilaterales_justizministertreffen_in_engerau_gedenken_an_ungarisch-juedische_zwangsarbeiter~2c94848a5af59e24015b19aec85708a2.de.html

Presseinformation-BMJ-29.3.2017

http://www.tt.com/home/12803273-91/slowakei-gedenktafel-für-ungarische-juden-von-engerau-enthüllt.csp

Slowakische Medien:

http://www.tvnoviny.sk/domace/1863958_v-petrzalke-odhalili-pamatnu-tabulu-madarskym-zidom-z-pracovneho-tabora-engerau

http://www.ta3.com/clanok/1102868/v-petrzalke-odhalili-pamatnu-tabulu-madarskym-zidom-z-engerau.html

Bericht-im-slowakischen-Fernsehen-29.3.2017

http://www.info.sk/sprava/128143/v-petrzalke-odhalili-pamatnu-tabulu-madarskym-zidom-z-pracovneho-tabora-engerau/

Info.sk-29.3.2017

 

 

Fotogalerie

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Fotos von Winfried R. Garscha, Ulrike Garscha, Hans Hautmann, Rudolf Leo, Oliver Scheiber

 

Gedenktafel am Restaurant Leberfinger

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Gedenktafel am Restaurant Leberfinger

 

Am 29. März 2017 haben die Justizministerin und die Justizminister der Slowakei, Österreichs und Ungarns Lucia Žitňanská, Wolfgang Brandstetter und László Trócsányi eine Gedenktafel für die Opfer des Lagers Engerau enthüllt.

Künstler: Vladimír Chovan (Atelier 007, De­le­ná 7, Bratislava 841 07)

Finanzierung:
Nationalfonds der Republik Österreich
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Österreichisches Bundesministerium für Justiz
Privatpersonen

Das heutige Restaurant Leberfinger, Viedenská cesta, 851 01 Bratislava-Petržalka, war von De­­zember 1944 bis Ende März 1945 Teil des Lagers Engerau.
Anfang Dezember kamen ca. 2.000 ungarische Juden in geschlossenen Waggons auf dem Bahnhof in Engerau an. Die deut­­sche Bauleitung „Unterabschnitt Engerau” ließ Gruppen zu je 120-150 Mann zu­sam­men­­stellen. Die Juden wurden in alten Baracken untergebracht, aber auch in Bauernhöfen, Scheu­­nen, Ställen und Kellern, also direkt bei der Ortsbevölkerung.
Wie in den anderen Lagern entlang des „Südostwalls” wurden die Juden von der SA sowie von „Politischen Leitern” bewacht. Die SA-Wache unterstand Scharführer Edmund Kratky, der später von Scharführer Erwin Falkner abgelöst wurde. Das Hauptquartier der SA, die von SA-Un­terabschnittleiter Gustav Terzer befehligt wurde, befand sich in Kittsee. Für die „Po­li­ti­schen Leiter” zuständig war NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Staroszinsky.
Die Arbeitseinsatzorte befanden sich zwischen der damaligen deutsch-ungarisch-slo­wa­ki­schen Grenze und Berg-Hainburg-Kittsee. Die sanitären Verhältnisse waren unvorstellbar, die Leute mussten hier unter furchtbaren hygienischen Bedingungen hausen. Von Dezember bis Februar gab es kein Wasser, weil die Brunnen eingefroren waren, die Menschen starben zu­­hauf sowohl an den Verhältnissen im Lager als auch aufgrund von Erschöpfung bei der an­stren­­genden Arbeit des Schanzens sowie weil sie von der zum Großteil aus Wien stam­men­den SA-Wachmannschaft bzw. von den sie beaufsichtigenden Politischen Leitern miss­han­delt und getötet wurden. Eine slowakische Untersuchungskommission exhumierte im April 1945 460 Tote.
Das 300 Jahre alte Gasthaus Leberfinger an der Donau war eine Einkehrstätte, unter an­de­rem für Gäste aus Wien, und hatte aus der Zeit des Verkehrs mit Pferdefuhrwerken ein Stall­ge­­bäude mit einem Dachboden, um für die Pferde der Reisenden Unterkunft zu ge­währ­leis­ten.
Angehörige der SA-Wachmannschaft bezeichneten den Dienst im Lager Leberfinger als „am schöns­­ten und leichtesten”. Generell kamen die SA-Männer gerne hierher, um Wein zu trin­ken. Die Juden waren in einem großen, lan­gen Schuppen – ein ehemaliger Pferdestall – mit zwei Eingängen „untergebracht”. Dieser stand parallel zum Privatgebäude, aus dessen Kü­che man auf die Eingänge des Schuppens se­hen konnte. Im oberen Teil des Schuppens war ein Raum, der wahrscheinlich zur Auf­be­wah­rung von Heu und Stroh gedient hatte. Die Ju­den mussten über eine Leiter he­run­ter­stei­gen. Der ehemalige Häftling Ernö Honig beschrieb die Unterkunft folgendermaßen:

„Wir schliefen dort […] in einem Stall mit betoniertem Boden ohne jede Unterlage und ohne Hei­­zung, sodass von uns, als wir Engerau verließen, nur mehr wenige am Leben waren. Die üb­ri­gen wurden teils bei der Arbeit erschlagen, teils starben sie an Erschöpfung oder den Fol­gen von schweren Erfrierungen. Es war uns verboten, uns zu waschen und wir waren des­halb vo­ller Läuse und voll von Furunkeln und anderen eiternden Wunden.“

Nachdem von der zuständigen Kreisleitung der Befehl zur Evakuierung des Lagers er­gan­gen war – die Gefangenen sollten zu Fuß nach Bad Deutsch-Altenburg marschieren, um von dort per Schiff nach Mauthausen transportiert zu werden – traf der Lagerkommandant Erwin Falk­­ner die Entscheidung, die „nicht-marschfähigen” Häftlinge liquidieren zu lassen und stell­­te ein Sonderkommando zusammen. Zwischen 17 und 18 Uhr des 29. März 1945 mar­schier­­ten mehrere Angehörige des Sonderkommandos zunächst in das Lager Wiesengasse und er­schos­sen dort ca. 60 „marschunfähige” Lagerinsassen. Eine andere Gruppe des Son­der­­kom­mandos begab sich zum Gasthaus Leberfinger und liquidierte im Stall zumindest 13 Häft­­linge, die sich auf die Frage, wer nicht mitkommen könnte, gemeldet hatten. Die dra­ma­ti­­schen Ereignisse im Hof des Gasthauses schilderte die Wirtin Leberfinger am Tag darauf dem Gen­dar­men des Gendarmeriepostens Hainburg Karl Brandstetter und dem Po­li­zei­re­ser­vis­­ten Jo­hann Hartl, die die ersten Ermittlungen zur Aufklärung des Verbrechens führten. Im Zu­­ge der volksgerichtlichen Untersuchungen im Sommer 1945 gab Brandstetter dies­b­e­züg­lich zu Pro­tokoll:

„Wir gingen in das Gasthaus Leberfinger in Engerau, um dort einen warmen Kaffee zu trin­ken. Die Wirtin, Frau Leberfinger, sagte zu uns: ‚Heute bekommt ihr noch etwas, aber mo­r­gen nicht mehr. Denn erstens sind die meisten Angestellten evakuiert worden und zweitens blei­­be ich nicht länger in dieser Leichenkammer.’ Frau Leberfinger sagte uns, dass in ihrem Haus dreizehn erschossene Juden liegen. Wir ersuchten sie, uns die Leichen zu zeigen, was Frau Leberfinger mit der Bemerkung ablehnte, sie könne so etwas Grauenvolles kein zweites Mal ansehen. Sie sagte uns, wir sollten uns die Leichen alleine besichtigen. Wir gingen nun in das ehemalige Stallgebäude, wo sich das Lager für die Juden befand. Dort lagen Hab­se­lig­kei­ten der Juden verstreut umher. Im Hintergrund sahen wir schon einige Leichen liegen. Die Lei­­chen hatten Kopfschüsse und lagen in einer Blutlache. Sämtliche Leichen trugen den Ju­den­­stern. Im Hofraum lag auf einer Pritsche eine Leiche, die mehrere Schüsse, teils im Kopf, teils in der Brust aufwies. Diese Leiche war nur mit einem Hemd und einer langen Stoffhose be­­kleidet. Auch in der Nähe der Latrine, die im Hofe war und eigens für die Juden bestimmt war, lagen zwei der drei Leichen, ebenfalls durch Kopfschüsse getötet. Der Anblick der Le­i­chen war grauenhaft. Wir gingen noch im Hof umher und sprachen dann mit der Gastwirtin, wie sich die Ermordung zugetragen hat. Frau Leberfinger erzählte uns nun, dass die po­li­ti­schen Leiter am 29. März 1945 (Gründonnerstag) um ca. 22 Uhr die Juden zum Abmarsch an­tre­­ten ließen. Es meldeten sich eben diese 13 Juden, dass sie krank seien und nicht mar­schie­ren können. Darauf sagten die politischen Leiter, diese 13 Juden würden später abgeholt wer­­den. Als nun die marschfähigen Juden aus dem Hause marschierten, kamen schon einige po­­litische Leiter oder SA-Männer, die Uniformen kenne sie nicht so genau, zum Tor herein, gin­­gen in das Stallgebäude wo sich die nicht marschfähigen Juden befanden und in wenigen Mi­­nuten hörten wir schon eine wilde Schießerei sowie verzweifelte Hilferufe. Sie konnte dies nicht weiter anhören und lief in das Haus zurück. Weitere Angaben konnte Frau Leberfinger nicht machen.“

Der Text der Gedenktafel ist in slowakischer, ungarischer, deutscher und hebräischer Sprache zu lesen:

Deutsche Version:

„Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befand sich von November 1944 bis März 1945 in Petržalka (Engerau, Pozsonyligetfalu) ein Lager für ungarisch-jüdische Zwangs­ar­­beiter, die am „Südostwall“ Schanzarbeit leisten mussten. Die ca. 2.000 ungarischen Juden wa­­ren zwangsweise unter unmenschlichen Bedingungen in mehreren Teillagern einquartiert. Ei­nes der Teillager befand sich im Nebengebäude des damaligen Gasthauses Leberfinger. Im Zu­­ge der Evakuierung der Gefangenen in das KZ Mauthausen wurden hier am 29. März 1945 min­­destens 13 Häftlinge von Wiener SA-Männern grausam ermordet.

Ehre Ihrem Andenken!

An die 1945 von einer slowakischen Untersuchungskommission exhumierten 460 Toten des La­­gers Engerau, darunter die mehr als 100 Opfer des Evakuierungsmarsches, erinnern ein Mahn­­mal auf dem Friedhof von Petržalka sowie Gedenksteine in Wolfsthal und Bad Deutsch-Al­ten­burg.

Wir vergessen weder die Leiden der Opfer noch die Verbrechen der Täter.

Niemals wieder!“

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10. – 11. November 2017
Estrel Convention Center Berlin

Fachgebiet Geschichte der Tierärztlichen Hochschule Hannover – Fachgruppe Geschichte der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft

Veterinärmedizin und Nationalsozialismus in Europa:
Stand und Perspektiven der Forschung

Vortrag von Claudia Kuretsidis-Haider: Nazifizierung und Entnazifizierung an der Tierärztlichen Hochschule Wien. Ein Werkstattbericht

Programm der Tagung mit Abstracts:
19. Tagung Geschichte, Programm und Abstracts, 05.10.17

Zusammenfassung der Tagung und Fotogalerie:
https://www.vethis.de/index.php/rueckblick-97.html

Danksagung

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Herzlichen Dank für den Erwerb eines Bausteins für die Gedenktafel am Restaurant Leberfinger in Bratislava-Petržalka

Bislang an Spenden eingelangt sind:
1.790,- Euro

Waltraud Barton
Ilse Anna Böhm
Helfried Carl
Albert Dlabaja
Elisabeth Fritsch
Adolf Haider
Roswitha Hammer
Maria Magdalena Heidenreich
Helga Jesu
Roberto Calmar
Karoly Kengyel
Michael und Doris Kerbler
Nora Kluger
Elisabeth Kopp
Elisabeth Kraul
Martin Krist
KZ-Verband Niederösterreich
KZ-Verband Wien
Rudolf Leo
Gertraude Lukesch
Gerhild Machreich
Sigrid Massenbauer
Roland und Brigitte Miklau
Raoul Narodoslavsky (Firma Fortstree)
Elfriede und Franz Otto
Johanna Paukovits
Heinrich G. Ruf
Renate Sassmann
Gerald Schmickl
Gabriela Schmoll
Elisabeth Thanel
Brigitte Ungar-Klein
Franz und Hanni Wagner
Corinna Weiss
Margit Wolf
Gudrun Wolfgruber
Rose Wolfik
Eva Zemann
Regina Zodl